Authors: Frings, Bernhard
Title: Von der Sorge um das Seelenheil auf den Weg in den Sozialstaat
Other Titles: die katholische Heil- und Pflegeanstalt Stift Tilbeck 1881 - 1981
Language (ISO): de
Abstract: Nach wie vor zählt die Geschichte der Caritas zu den Stiefkindern der Katholizismusforschung, wobei vor allem auch die Zeit seit 1945 intensiver betrachtet werden muss. Denn trotz einiger Studien, die in den vergangenen gut 15 Jahren etwa die Einbindung caritativer Initiativen in die Jugendwohlfahrtspolitik beschrieben oder Überblicke über bestimmte Phasen regionaler Caritasgeschichte gaben, bestehen nicht zuletzt wegen der Vielschichtigkeit der Thematik immer noch große Lücken auf diesem Feld. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Caritas als zentraler Aspekt des christlichen Glaubens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrem immer dichter werdenden Netz von Anstalten und anderen Hilfen ein integraler Bestandteil des sich ausbildenden katholischen Milieus war. Gleichzeitig bestanden gerade im Anstaltswesen oftmals enge Bindungen zu den staatlichen Instanzen, sodass das Untersuchungsfeld nicht nur in sich, sondern ebenso in vielfältiger Weise mit dem gesellschaftlichen Raum verflochten ist. Durch die Längsschnittstudie einer großen caritativen Einrichtung soll mit der vorliegenden Arbeit versucht werden, die skizzierten Lücken zu schließen. Indem Entwicklungen über einen längeren Zeitraum in einem überschaubaren Umfeld nachvollzogen werden, lassen sich neben den spezifischen Strukturen der Anstalt in vielen Bereichen Rückschlüsse auf den größeren Bezugsrahmen und die Wechselwirkungen zwischen Caritas- und Gesellschaftsgeschichte ziehen. Dies gilt nicht zuletzt auch für die Beharrungstendenzen, aber auch Veränderungen nach 1945, die ohne die Betrachtung der traditionellen Muster caritativen Wirkens kaum in ausreichendem Maß verständlich werden. Das Stift Tilbeck als 1881 auf Basis einer testamentarisch verfügten Stiftung gegründeten und zehn Jahre später in die Trägerschaft des Bischöflichen Stuhles in Münster übergangenen Heil- und Pflegeanstalt erweist sich hier als lohnendes Forschungsobjekt, wobei der zeitliche Rahmen von der Gründung bis zum tiefgreifenden Wandel der 1970er Jahre reicht und mit dem 100-jährigen Jubiläum endet. Die in chronologischer Abfolge aufgebaute Dokumentation dieser 100 Jahre vereinigt sowohl kirchen- und religions-, sozial- als auch psychiatriegeschichtliche Inhalte, was die Vielschichtigkeit dieser Darstellung deutlich macht. Dabei ziehen sich drei Schwerpunkte wie ein roter Faden durch die Abhandlung. Zunächst wurde erstens die Entwicklung der Institution Stift Tilbeck aus organisationsgeschichtlicher Perspektive nachgezeichnet, was etwa die Gründungsmodalitäten, die Trägerschaft, die Leitungsstrukturen, die Berührungspunkte mit den staatlichen Instanzen oder die Betreuungsformen umfasst. Zweitens stand die Frage nach den sozialen, religiösen und theologischen Motivationen, Leitbildern und Konzepten für diese Handlungsstränge im Zentrum. Schließlich galt es drittens, die Alltagsgeschichte der im Stift lebenden und arbeitenden Menschen zu erhellen. Eine solche analytische Differenzierung darf aber nicht den Blick dafür verstellen, dass sie in der Lebenswirklichkeit des Stiftes einen inneren Zusammenhang bildete, der sich in der Darstellung immer wieder niederschlug. Dieser ließ sich an folgenden tragenden Komponenten der Geschichte der Einrichtung festmachen. So bildete die Sorge um das Seelenheil in verschiedener Hinsicht den Ausgangspunkt für die Gründung und den Ausbau des Stiftes Tilbeck, dessen bewusst aufwendige Gestaltung den Schluss nahe legt, dass die Einrichtung als sichtbares Zeichen diözesaner Caritas im Bistum Münster gekennzeichnet werden sollte. Diese Sorge war der Anlass für die testamentarische Verfügung, die die materielle Grundlage der späteren Anstalt schuf und von der Erbin als selbstverständliche Verpflichtung empfunden wurde. Gleichzeitig beeinflusste diese Sorge die Auswahl des ersten Tätigkeitsfeldes als Erziehungsanstalt für an Epilepsie erkrankte Mädchen und Jungen. Da die Kranken wegen ihrer oftmals starken Beeinträchtigungen im häuslichen Umfeld kaum eine seelsorgliche Betreuung erfuhren, wollte man ihnen im Stift vor allem das „Himmelreich" nahe bringen. Der hier formulierte Anspruch war auch bei Pastor Friedrich von Bodelschwingh, Leiter der evangelischen Anstalt Bethel, maßgeblich. Bodelschwingh wurde als „geistiger Vater" des Stiftes bezeichnet und hatte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts großen Einfluss auf die Tilbecker Entwicklung, was auch auf dem Feld des Anstaltswesens in dieser Intensität im Rahmen konfessionsübergreifender Initiativen eine Ausnahme darstellte. Und auch die während der Anfangsjahre wegen des Kulturkampfes an Stelle von Ordensschwestern im Stift unentgeltlich tätigen Helferinnen fanden in der Sorge um ihr eigenes Seelenheil die entscheidende Motivation für ihr Handeln. Immer wieder zeigte sich, dass die dann seit 1899 im Stift wirkenden Schwestern aus der Ordensgemeinschaft der Mauritzer Franziskanerinnen eine wesentliche Konstante für die Entwicklung der Einrichtung waren. Bis zum Ende des Untersuchungszeitraumes leiteten sie verantwortlich den Pflegedienst, wobei sie hier zudem über Jahrzehnte ausschließlich das Personal stellten. Weil die Schwestern in der Regel auf den Stationen schliefen, wurden viele von ihnen innerhalb der so praktizierten „christlichen Großfamilie" für die Patientinnen zu Bezugspersonen. Sie prägten mit ihrem Glaubensvoilzug das kirchlich-religiöse Leben im Stift auch dann noch, als die katholische Sondergesellschaft seit den 1960er Jahren bereits vielfach starke Auflösungstendenzen zeigte. Die Schwestern blieben so trotz des sich verschärfenden Nachwuchsmangels der Ordensgemeinschaften die Garanten des besonderen „Tilbecker Milieus". Darüber hinaus darf auch der wirtschaftliche Faktor nicht vergessen werden, den ihr Einsatz darstellte. Der Stellenwert ihres Wirkens ist vermutlich vielfach exemplarisch, gibt aber auch durch die Anstaltsform bedingte Besonderheiten wieder. Ebenso bedeutsam für die Strukturen des Stiftes zeigten sich die medizinisch-therapeutischen sowie gerade am Anfang und am Ende des Untersuchungszeitraums die pädagogischen Möglichkeiten bei der Betreuung der Patienten und Bewohner. Hier waren der Psychiatrie bis zur Entdeckung und Einführung der Psychopharmaka in den 1950er Jahren enge Grenzen gesetzt, die die Spielräume im Alltagsleben einschränken mussten. Von Anfang an erkannte man auch in der Tilbecker Einrichtung den therapeutischen Nutzen der Arbeitstherapie, der sich in großem Maß mit den ökonomischen Notwendigkeiten einer effektiven Eigenversorgung durch die Bewirtschaftung der großen Ländereien des Stiftes verband. Die Intensivierung dieser Bemühungen nach dem Ersten Weltkrieg verliehen ihm einen gutshofähnlichen Charakter, der neben den Kirchenfesten den Jahresrhythmus bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmte. Der sich zwischen 1971 und 1981 vor dem Hintergrund des entstandenen Sozialstaates sowie einschneidender gesellschaftlicher und kirchlicher Umbrüche vollziehende, dringend erforderliche Wandel stellte dann die Weichen für die tragenden Säulen Wohnheim, Klinik und Werkstätten der heutigen Stift Tilbeck GmbH, wobei die über Jahrzehnte bestimmende bewahrende Ausrichtung durch die Öffnung des Hauses in die Gesellschaft und durch verstärkte Bemühungen in Richtung von mehr Eigenständigkeit der Bewohnerinnen abgelöst wurde. Die Verflechtung mit der öffentlichen Wohlfahrtspflege war ebenfall von großer Bedeutung. Bereits wenige Jahre nach der Gründung des Stiftes unterstützte die Verwaltung der preußischen Provinz Westfalen die Tilbecker Anstalt durch finanzielle Zuwendungen, und durch einen 1892 zwischen dem Stift und dem Landeshauptmann geschlossenen Vertrag entstand eine enge Bindung, die zur wesentlichen Voraussetzung für das weitere Wachstum wurde und im Weimarer Wohlfahrtsstaat zur vollen Entfaltung gelangte. Die damit verbundene Aufgabenteilung brachte dem Stift die fast ausschließliche Aufnahme von Langzeitpatientinnen, was anscheinend aber auch dem eigenen, auch theologisch hergeleiteten Selbstverständnis hinsichtlich des Einsatzes für die besonders Hilfsbedürftigen entsprach. Schließlich ließen sich am Stift beispielhaft die Auswirkungen der nationalsozialistischen Rassenideologie und des Zweiten Weltkrieges auf eine katholische Heil- und Pflegeanstalt nachzeichnen. Denn auch die Patientinnen der Tilbecker Einrichtung waren von der gesellschaftlichen Ausgrenzung und den Zwangssterilisierungen infolge des ,Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses' betroffen. Fremdnutzungen, Arbeitskräftemangel und Versorgungsengpässe prägten auch hier den Kriegsalltag, wie auch die Bedrohungen durch die NS-,Euthanasie' das Haus erfassten, ohne dass es zu direkten Verlegungen in die Tötungsanstalten kam. Die begrenzten Handlungsspielräume der Verantwortlichen in diesen Jahren wurden immer wieder sichtbar.
Subject Headings: FB 14
Kirchengeschichte
Caritasgeschichte
Psychiatriegeschichte
Ordensgemeinschaften
Private und öffentliche Wohlfahrtspflege
Gesellschaftlicher und kirchlicher Wandel
URI: http://hdl.handle.net/2003/23057
http://dx.doi.org/10.17877/DE290R-8091
Issue Date: 2006
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