Authors: Cinar, Melihan
Title: Wortschatzerwerb von mehrsprachigen Vorschulkindern - eine Interventionsstudie in Kindertageseinrichtungen
Language (ISO): de
Abstract: Durch den gesellschaftlichen Wandel hat eine Verschiebung des Diskurses vom monolingualen Selbstverständnis zur migrationsbedingten sprachlichen Diversität im Bildungskontext stattgefunden (Gogolin, 2008). Dieser Paradigmenwechsel bringt Chancen sowie auch Herausforderungen mit sich, die neue didaktische Modelle und Förderansätze zur Unterstützung der sprachlichen Entwicklung erfordern. Der Umgang mit Mehrsprachigkeit in Bildungseinrichtungen ist nicht zuletzt durch die Integration von Kindern mit Fluchterfahrung in das Bildungssystem in den Fokus aktueller Forschungen gerückt. Die kindlichen Sprachkompetenzen werden in der Elementarstufe entscheidend geprägt und stellen eine wichtige Voraussetzung für schulischen Erfolg dar. Da jede Fördermaßnahme einer spracherwerbstheoretischen Fundierung unterliegt, ist folglich die Sprachförderpraxis auf Erkenntnisse aus aktuellen Forschungsarbeiten angewiesen. Diese orientieren sich allmählich aus einer ressourcenbezogenen Perspektive u.a. an der Anerkennung aller Sprachkenntnisse und ihrem möglichen Nutzen für den weiteren Spracherwerb (Budde, 2019). Vor diesem Hintergrund basiert das Forschungsanliegen der vorliegenden Dissertation auf der Gestaltung und Unterstützung von lexikalischen Erwerbskontexten und -prozessen im Elementarbereich unter Berücksichtigung von migrationsbedingter Mehrsprachigkeit. Angelehnt an die Theory of Learning from Context (Sternberg & Powell, 1983) wurde ein Förderansatz im Rahmen des BMBF-Projekts InterMut (Intervention Muttersprache), in das die Dissertation eingebettet ist, zur Unterstützung des impliziten Wortschatzerwerbs im Deutschen entwickelt und erprobt. Von Cummins’ Interdependenztheorie (1979/1991), dass die Erstsprache das Fundament für den weiteren Spracherwerb bildet, und aktuellen Ergebnissen zu lexikalischen Transferprozessen im mentalen Lexikon (Pavlenko, 2009) ausgehend wurde außerdem überprüft, ob die Erstsprache als kognitive Ressource für den impliziten Wortschatzerwerb im Deutschen genutzt werden kann. In einem Prä-, Post- und Follow-Up-Design unter experimenteller Variation des sprachlichen Inputs in den verschiedenen Interventionsbedingungen wurde der Wortschatzzuwachs von N = 93 bilingualen Vorschulkindern mit türkischer Familiensprache untersucht. Zusätzlich waren N = 57 monolinguale Vorschulkinder mit deutscher Familiensprache an den Testungen beteiligt. Als Fördergegenstand wurde ein bildungssprachlich orientierter Wortschatz ausgewählt, da für das bildungssprachliche Register bereits im Vorschulalter von einem an die Bildungssprache anschlussfähigen Wortschatz ausgegangen werden kann. Die Dissertation umfasst vier Einzelbeiträge, die sich in drei empirische Teilstudien mit experimentellem Design und einen praxisorientierten Beitrag untergliedern lassen. Gemeinsames Ziel der Beiträge ist es, Implikationen für die Sprachdiagnostik und Sprachförderpraxis unter Berücksichtigung mehrsprachiger Erwerbskontexte im Bildungskontext anzuführen. Beitrag I gibt einen theoretischen Einblick in den Fördergegenstand der Bildungssprache durch eine allgemeine Definition mit Vertiefung im lexikalischen Bereich. Die Vorstellung verschiedener konkreter Verfahren zur Förderung des Spracherwerbs in Bildungskontexten im Elementar- und Primarbereich unter Berücksichtigung von fachlichem und sprachlichem Lernen leistet außerdem einen Beitrag für die pädagogische Praxis. Beitrag II widmete sich der Effektivität einer Wortschatzintervention mit kontextuellem Lernen bei Vorschulkindern, indem der implizite Wortschatzerwerb von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund in gesteuerten und ungesteuerten Spracherwerbssituationen verglichen wurde. Der signifikant größere Wortschatzzuwachs der Kinder mit Migrationshintergrund in gesteuerten Erwerbskontexten im Vergleich zu Kindern ohne Migrationshintergrund im ungesteuerten Erwerbskontext spricht für diesen Förderansatz. Beitrag III legte den Fokus auf die Konstruktion und Validierung eines entsprechenden Instruments für den Einsatz in der Interventionsstudie zur Messung eines an die Bildungssprache anschlussfähigen Wortschatzes im Vorschulalter. Der entwickelte Test wies auf gute psychometrische Eigenschaften hin. Des Weiteren wurde die Dimensionalität des Wortschatz-Konstrukts untersucht, die darauf hindeutet, dass es sich um ein mehrdimensionales Konstrukt (Wortschatz-Breite und -Tiefe) handelt. Das Ergebnis der explorativen Untersuchung hinsichtlich der Wortschatz-Tiefe war nicht eindeutig interpretierbar und wurde kritisch diskutiert. Beitrag IV geht davon aus, dass sich der implizite Wortschatzerwerb im Deutschen unter Einbezug der Erstsprache erweitern lässt, da die Erstsprache als Stütze für die Erschließung unbekannter Wörter aus dem linguistischen und konzeptuellen Kontext betrachtet wird. Der Vergleich verschiedener Interventionsbedingungen mit variiertem Sprachinput (Deutsch/Türkisch) brachte hervor, dass der Einbezug der Erstsprache keine Erleichterung für die Wortbedeutungskonstruktion im Deutschen brachte und auch keinen Prädiktor für den Wortschatzzuwachs darstellt. Der Wiederholung des sprachlichen Inputs auf Deutsch und die bereits vorhandenen Wortschatzkenntnisse wirken sich positiv auf den impliziten Wortschatzerwerb aus.
Subject Headings: Wortschatzerwerb
Bildungssprache
Mehrsprachigkeit
Subject Headings (RSWK): Wortschatz
Sprache
Bildung
Mehrsprachigkeit
Elementarbereich
URI: http://hdl.handle.net/2003/39187
http://dx.doi.org/10.17877/DE290R-21105
Issue Date: 2019
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