Juliamengen als Sierpin´skikurven Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Naturwissenschaften Der Fakulta¨t fu¨r Mathematik der Technischen Universita¨t Dortmund im Ma¨rz 2009 vorgelegt von Ingo Bednarek Ich bedanke mich ganz herzlich bei Herrn Prof. Dr. Steinmetz fu¨r den Vor- schlag zu diesem Dissertationsthema und fu¨r seine hilfreichen und motivieren- den Ratschla¨ge. Außerdem danke ich meiner Familie fu¨r ihre Unterstu¨tzung wa¨hrend meiner gesamten Ausbildung. Eingereicht im Ma¨rz 2009 Tag der mu¨ndlichen Pru¨fung: 14.7.2009 Pru¨fungskommission: Vorsitzender: Prof. Dr. J. Sto¨ckler Erster Gutachter: Prof. Dr. N. Steinmetz Zweiter Gutachter: PD Dr. M. Stiemer Weiterer Pru¨fer: Prof. Dr. M. Voit Wiss. Mitarbeiter: Dr. P. Furlan Inhaltsverzeichnis 1 Grundlegende Eigenschaften 7 1.1 Die dynamische Ebene – elementare Eigenschaften . . . . . . . 7 1.2 Eine Rekursionsfolge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 1.3 Die Parameterebene – elementare Eigenschaften . . . . . . . . 13 1.4 Exkurs: Modulfunktionen und R1 . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2 Hilfsmittel 17 2.1 Die Riemann-Hurwitz-Formel . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 2.2 Quasikonforme Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 2.3 Beltramikoeffizienten und symmetrische Abbildungen . . . . . 21 2.4 Polynom-a¨hnliche Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 2.5 Das λ-Lemma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 3 Die Fluchtkomponenten 26 3.1 Die Dynamik in den Fluchtkomponenten . . . . . . . . . . . . 26 3.2 Parametrisierung der Fluchtkomponenten . . . . . . . . . . . . 33 3.3 Kernkonvergenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 4 Die hyperbolischen Komponenten 50 4.1 Die Dynamik in den hyperbolischen Komponenten . . . . . . . 50 4.2 Parametrisierung der hyperbolischen Komponenten . . . . . . 55 5 Juliamengen als Sierpin´skikurven 61 5.1 Juliamengen als Sierpin´skikurven . . . . . . . . . . . . . . . . 61 5.2 Juliamengen und Quasikreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 5.3 Dynamische Konjugation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Literaturverzeichnis 69 Einleitung Die Theorie der Iteration einer festen rationalen Funktion R wurde um 1918 von Fatou und Julia entwickelt. Sie teilten die Riemannsche Zahlenkugel ein in die Fatoumenge, in der die Iteriertenfolge (Rn) eine normale Familie im Sinne Montels bildet, und ihr Komplement, die Juliamenge, in der die Folge ein ”chaotisches“ Verhalten zeigt. Auf Fatou gehen bereits die Anfa¨nge derin den 1930er Jahren von Cremer vollendeten Klassifikation der stabilen Fix- gebiete in die fu¨nf Typen zuru¨ck, die heute unter den Namen Bo¨ttchergebiet, Schro¨dergebiet, Leaugebiet, Siegelscheibe und Arnol’d-Herman-Ring bekannt sind. Schon aus Arbeiten des 19. Jahrhunderts von Bo¨ttcher, Schro¨der, Koe- nigs und Leau u¨ber die Lo¨sungen gewisser Funktionalgleichungen ergibt sich im Wesentlichen die Tatsache, dass jedes Bo¨ttcher-, Schro¨der- und Leau- gebiet einen kritischen Punkt enthalten muß. Dies unterstreicht bereits die besondere Rolle der kritischen Punkte. Die gro¨ßten Fortschritte auf dem Gebiet der rationalen Iteration wurden da- nach erst viele Jahre spa¨ter in den 1980er Jahren erzielt, namentlich Sullivans Beweis, dass es keine wandernden Gebiete gibt, und Shishikuras Abscha¨tzung der maximalen Anzahl der verschiedenen Zykel. Beide Beweise beruhen auf den Methoden der quasikonformen Chirurgie, deren Grundlagen im zweiten Kapitel dieser Arbeit beschrieben werden. Ebenfalls in den 1980er Jahren wurden mit Hilfe von Computern die ersten Bilder von Juliamengen erzeugt, wie sie heute in ihrer besonderen Scho¨nheit nicht nur gleichermaßen Motivation und Hilfsmittel fu¨r mathematische U¨ber- legungen sind, sondern auch bei ”Nichtmathematikern“ Begeisterung hervor-rufen ko¨nnen. Mandelbrot programmierte ein Bild der heute nach ihm be- nannten Mandelbrotmenge M. Diese besteht aus den Parametern c, fu¨r die die Juliamenge des Polynoms Pc(z) = z2 + c zusammenha¨ngend ist; das sind genau die Parameter, fu¨r die der Orbit des einzigen kritischen Punktes 0 des Polynoms Pc beschra¨nkt bleibt. 1982 zeigten Douady und Hubbard, dass M zusammenha¨ngend ist. In spa¨teren Jahren folgten dann Arbeiten zur Poly- nomfamilie zd+ c mit d ≥ 2 und zu weiteren Familien rationaler Funktionen. Eine Grundidee dabei ist, die Dynamik jeder einzelnen Funktion im Kontext Einleitung 4 ”verwandter Funktionen“ besser verstehen zu ko¨nnen. Erwa¨hnt sei hier dievon Devaney, Roesch, Steinmetz und anderen betrachtete McMullen-Familie Rc(z) = zm + c zl mit m ≥ 2 und l ≥ 1, sowie die von Steinmetz untersuch- te Morosawa-Pilgrim-Familie Rc(z) = c ( 1 + 4/27 z 3 1− z ) . All diese Familien zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen Parameter c und einen ”u¨berschau-baren“ kritischen Orbit haben. Die Parameterebene (c-Ebene) wird nach dem Verhalten der (freien) kritischen Punkte eingeteilt und ist stets selbst ein in- teressant zu studierendes Objekt. In dieser Arbeit soll nun die Familie Rc(z) = c 4 27 (z2 − z + 1)3 z2(1− z)2 mit Parameter c ∈ C \ {0} betrachtet werden. Dazu werden in Kapitel 1 zuna¨chst die grundlegenden dynamischen Eigenschaften der Funktion Rc und die Folge Qn(c) = Rnc (c), die den Orbit des einzigen ”freien“ kritischen Wer-tes c beschreibt, untersucht. Schließlich wird die Parameterebene eingeteilt in die Mengen Ωn der Parameter, fu¨r die der ”freie“ kritische Wert c unterIteration nach n Schritten im Außengebiet landet (also ”flu¨chtet“), und dieMenge Ω∞ der Parameter, fu¨r die der Orbit von c beschra¨nkt ist. Einige mathematische Methoden, die in dieser Arbeit angewendet werden, stellen wir im zweiten Kapitel kurz vor. Den Schwerpunkt bildet dabei die Theorie der quasikonformen Abbildungen mit dem Satz von Ahlfors-Bers und die quasikonforme Chirurgie mit ihren Anwendungen beim λ-Lemma und den polynom-a¨hnlichen Abbildungen. Das dritte Kapitel ist nun den Fluchtkomponenten, den zusammenha¨ngen- den Komponenten von Ωn, gewidmet. Zuna¨chst wird die Dynamik von Rc fu¨r c ∈ Ωn na¨her untersucht und wir erhalten, dass fu¨r c ∈ Ω0 die Juliamen- ge eine Cantormenge ist, wa¨hrend sie fu¨r c ∈ Ωn, n ≥ 1, eine Kurve ist. Im zweiten Abschnitt wird dann gezeigt, dass alle Fluchtkomponenten Ω einfach zusammenha¨ngend sind, indem eine eigentliche Abbildung Ψ : Ω → Ĉ \ D konstruiert wird. Ferner erhalten wir, dass jede Komponente von Ωn genau eine Polstelle von Qn, ihr Zentrum, entha¨lt, und ko¨nnen damit die Anzahl der Komponenten bestimmen. Das Aussehen der Komponente Ω0 la¨ßt sich weiter dadurch beschreiben, dass die Bo¨ttchergebiete der Funktionen Qn um ∞ im Sinne der Kernkonvergenz nach Carathe´odory gegen Ω0 konvergieren. Die Komponenten von Ω∞, in denen Rc einen beschra¨nkten, (super-) at- traktiven Zyklus der La¨nge n hat, werden im vierten Kapitel betrachtet. Wir nennen diese Komponenten die hyperbolischen Komponenten. Fu¨r Para- Einleitung 5 meter c aus diesen Komponenten sind alle stabilen Gebiete einfach zusam- menha¨ngend und die Juliamenge ist eine Kurve. Daru¨ber hinaus werden die hyperbolischen Komponenten wie u¨blich durch die Multiplikatorabbildung parametrisiert. Die Bilder, die wir in der dynamischen Ebene fu¨r Parameter aus Ω∞ erhalten, sind oft besonders scho¨n, vergleiche etwa das Bild unten. Im letzten Kapitel wird schließlich bewiesen, dass fu¨r Parameter c ∈ Ωn, n ≥ 1, die Juliamenge Jc eine Sierpin´skikurve ist; fu¨r kleine Parameter ist sogar ∂U∞ ein Quasikreis. Juliamengen als Sierpin´skikurven wurden 1993 als erstes von John Milnor und Tan Lei in der Familie f(z) := a ( z + 1z ) + b entdeckt. Spa¨ter konnten unter anderem Devaney, Morosawa und Steinmetz zeigen, dass Juliamengen als Sierpin´skikurven auch in der McMullen-Familie und der Morosawa-Pilgrim-Familie auftreten, ja sogar ”eher die Regel alsdie Ausnahme“ sind. Dies ist ebenso in der hier untersuchten Familie der Fall. Ferner wird untersucht, in welchen Fa¨llen zwei Funktionen der Familie, deren Juliamengen Sierpin´skikurven sind, dynamisch konjugiert zueinander sind. Dies ist genau dann der Fall, wenn die beiden zugeho¨rigen Parameter derselben Fluchtkomponente oder zwei spiegelbildlichen Fluchtkomponenten entstammen. Abbildung 1: Ein attraktiver Fu¨nferzyklus, hier fu¨r c = −1, 4 + 0, 7i Notationen An dieser Stelle geben wir eine U¨bersicht u¨ber die in dieser Arbeit verwen- deten Notationen. C∗ = C \ {0} D = {z ∈ C : |z| < 1} ♯G = Zusammenhangszahl des Gebiets G Rc(z) = 4 27 c (z2 − z + 1)3 z2(z − 1)2 Qn(c) = Rnc (c) U∞(c) = stabiles Gebiet von Rc um ∞ U0(c) = stabiles Gebiet von Rc um 0 U1(c) = stabiles Gebiet von Rc um 1 α(z) = 1− z β(z) = 1z Σ = von α und β erzeugte Gruppe Ω0 = {c ∈ C∗ : c ∈ U∞(c)} Ωn = {c ∈ C∗ : Rnc (c) ∈ U∞(c), Rn−1c (c) 6∈ U∞(c)} Ω∞ = {c ∈ C∗ : Rnc (c) 6∈ U∞(c) fu¨r alle n ∈ N0} Hn = Menge der Parameter mit beschra¨nktem Zykel der La¨nge n Kapitel 1 Grundlegende Eigenschaften 1.1 Die dynamische Ebene – elementare Eigenschaften Wir untersuchen in dieser Arbeit die Parameterfamilie Rc(z) = 4 27 c (z2 − z + 1)3 z2(z − 1)2 , c ∈ C ∗ := C \ {0}, deren grundlegende Eigenschaften wir im ersten Kapitel zusammenfassen. Vorab sei jedoch bemerkt, dass die Funktion R1 auch in der Theorie der Mo- dulfunktionen eine besondere Rolle spielt; dies wird in einem Exkurs am Ende dieses Kapitels kurz erla¨utert. Es ist Rc eine rationale Funktion vom Grad 6. Sie hat also sieben Fixpunkte und zehn kritische Punkte, entsprechend ihrer Vielfachheiten geza¨hlt. 0, 1 und ∞ sind jeweils doppelte Polstellen, also einfache kritische Punkte. Insbesondere ist ∞ ein superattraktiver Fixpunkt. Es ist z2 − z + 1 = (z − 12(1 + i √ 3))(z − 12(1 − i √ 3)). Demnach sind die beiden Punkte z+ := 12(1 + i √ 3) und z− := 12(1− i √ 3) dreifache Nullstellen von Rc und damit doppelte kritische Punkte. Ihr Verhalten unter Iteration ist offensichtlich unabha¨ngig von der Wahl des Parameters c. Weiter gilt: R′c(z) = −8 27 c (z2 − z + 1)2 z3(z − 1)3 ( z − 12 ) (z + 1)(z − 2) Also sind −1, 2 und 12 einfache kritische Punkte. Sie haben mit Rc(−1) = Rc(2) = Rc(12) = c denselben kritischen Wert, na¨mlich gerade c. Dessen Verhalten unter Iteration bestimmt also im Wesentlichen das dynamische Verhalten von Rc. Wir sprechen im Folgenden bei −1, 2 und 12 auch von den Grundlegende Eigenschaften 8 ”freien kritischen Punkten“, da ihr Verhalten unter Iteration von der Wahldes Parameters abha¨ngig ist. Bei der Untersuchung des dynamischen Verhaltens einer Funktion Rc spielt also der Vorwa¨rtsorbit des Punktes c die zentrale Rolle. Beispielsweise ist Rc hyperbolisch, falls c von einem attraktiven Fixpunkt angezogen wird. Einen Schwerpunkt dieser Arbeit bildet die Untersuchung der Parameter, fu¨r die c, und somit alle kritischen Punkte, vom superattraktiven Fixpunkt ∞ angezogen werden. ∞ 1 0 −1 c 2 1 2 1 + i √ 3 2 1− i √ 3 2 Abbildung 1.1: Der kritische Orbit Im Folgenden bezeichne Jc die Juliamenge, Fc die Fatoumenge und Ua(c) das stabile Gebiet von Rc, welches den Punkt a entha¨lt. Wenn bei U¨berlegungen, die die dynamische Ebene betreffen, ein fester Parameter c betrachtet wird und keine Verwechslungsgefahr besteht, lassen wir den Zusatz c in den Be- zeichnungen auch weg und schreiben kurz U∞ statt U∞(c) und entsprechend. Satz 1.1 (Symmetrie) Es sei α(z) := 1 − z, β(z) := 1z und Σ die von α und β erzeugte Untergruppe der Gruppe der Mo¨biustransformationen. Dann sind die Juliamenge Jc und die Fatoumenge Fc von Rc invariant unter Σ. Beweis: Fu¨r alle z ∈ C gilt Rc(α(z)) = 4 27c ((1− z)2 − (1− z) + 1)3 (1− z)2(1− (1− z))2 = 4 27c (1− 2z + z2 + z)3 z2(1− z)2 = Rc(z) und Rc(β(z)) = 4 27c ( 1z2 − 1z + 1)3 1 z2 (1− 1z )2 = Rc(z). Damit folgt die Behauptung. 2 Grundlegende Eigenschaften 9 Bemerkung 1.2 Die Gruppe Σ ist isomorph zur symmetrischen Gruppe S3 und heißt auch die anharmonische Gruppe (vergleiche [Cha]). Es ist gerade Σ = { id, z 7→ 1− z, z 7→ 1z , z 7→ 1 1− z , z 7→ 1− 1 z , z 7→ z z − 1 } . 1 0 2 −1 α α β β ∞ αβ α α β β α1 2β Abbildung 1.2: Die Symmetrie Lemma 1.3 Es gilt entweder U0 = U1 = U∞ oder U0, U1 und U∞ sind paarweise verschieden. Beweis: F ist invariant unter Σ, also bilden α und β stabile Gebiete auf stabile Gebiete ab. Im Einzelnen gelten die folgenden Implikationen: U0 = U∞ ⇒ U1 α(0)=1= α(U0) = α(U∞) α(∞)=∞= U∞ U0 = U1 ⇒ U∞ β(0)=∞= β(U0) = β(U1) β(1)=1= U1 U1 = U∞ ⇒ U0 α(1)=0= α(U1) = α(U∞) α(∞)=∞= U∞ Wenn also zwei der drei Polstellen von Rc im selben stabilen Gebiet liegen, so entha¨lt dieses auch die dritte Polstelle von Rc. 2 Lemma 1.4 Es sei rc := max { 6, 3 + 274|c| } und Kc := {z : |z| > rc}. Dann ist die Kreisscheibe Kc vorwa¨rts invariant unter Rc; es gilt sogar Rc(Kc) ⊆ Kc. Insbesondere ist also Kc = {z : |z| ≥ rc} ⊆ U∞(c). Der Radius rc ist nicht ”optimal“, aber das ist fu¨r unsere U¨berlegungen auchnicht erfoderlich. Entscheidend ist, dass der Term 1|c| auftritt, der sich nicht Grundlegende Eigenschaften 10 vermeiden la¨ßt. Beweis: Wir betrachten zuna¨chst nur die Funktion R(z) := (z 2 − z + 1)3 z2(z − 1)2 . Polynomdivision liefert R(z) = z2 − z + 3z 4 − 6z3 + 6z2 − 3z + 1 z4 − 2z3 + z2 . Also gilt |R(z)| ≥ |z|2 − |z| − ∣∣∣∣ 3z4 − 6z3 + 6z2 − 3z + 1 z4 − 2z3 + z2 ∣∣∣∣ und wir erhalten fu¨r |z| ≥ 6 die Abscha¨tzung ∣∣∣∣ 3z4 − 6z3 + 6z2 − 3z + 1 z4 − 2z3 + z2 ∣∣∣∣ = ∣∣∣∣ 3− 6/z + 6/z2 − 3/z3 + 1/z4 1− 2/z + 1/z2 ∣∣∣∣ ≤ 3 + 6/ |z| + 6/ |z| 2 + 3/ |z|3 + 1/ |z|4 1− 2/ |z| − 1/ |z|2 ≤ 3 + 16/ |z|1− 3/ |z| = 3 |z| + 16 |z| − 3 < 6|z| |z| − 3 ≤ 2 |z| Somit gilt fu¨r alle z mit |z| ≥ 6 die Abscha¨tzung |R(z)| > |z|2 − 3 |z|. Fu¨r |z| ≥ rc erhalten wir |Rc(z)| > 4 27 |c| |z| (|z| − 3) ≥ 4 27 |c| rc(rc − 3) ≥ rc Die letzte Ungleichung folgt dabei aus 4 27 |c| (rc − 3) ≥ 1 ⇔ rc ≥ 27 4 |c| + 3. Das Außengebiet eines Kreises mit Radius rc = max { 6, 3 + 274|c| } ist also unter Iteration von Rc vorwa¨rtsinvariant und geho¨rt damit zum Attraktions- gebiet des superattraktiven Fixpunktes ∞. 2 Folgerung 1.5 Fu¨r alle Parameter c mit |c| ≥ 6 gilt: Die freien kritischen Punkte −1, 2 und 12 liegen in U0 ∪ U1 ∪ U∞. Beweis: Aus |c| ≥ 6 ≥ max { 6, 3 + 274|c| } = rc folgt nach Lemma 1.4 si- cherlich c ∈ U∞(c). Mit Rc(−1) = Rc(2) = Rc(12) = c ergibt sich dann die Behauptung, da R−1c (U∞) = U0 ∪ U1 ∪ U∞. 2 Grundlegende Eigenschaften 11 1.2 Eine Rekursionsfolge Bei der Untersuchung des Verhaltens einer rationalen Funktion unter Iterati- on spielt der Vorwa¨rtsorbit der kritischen Punkte stets die zentrale Rolle. Bei unserer Familie gibt es nur einen freien kritischen Wert, so dass es genu¨gt, dessen Vorwa¨rtsorbit zu betrachten. Dessen Abha¨ngigkeit vom Parameter c wird durch die rekursiv definierte Folge beschrieben, die wir in diesem Ka- pitel etwas na¨her betrachten wollen und auf die wir spa¨ter noch mehrfach zuru¨ckgreifen werden. Lemma 1.6 Wir betrachten die rekursiv definierte Folge rationaler Funk- tionen mit Q0(c) := c , Qn+1(c) := Rc(Qn(c)) fu¨r n ∈ N0. Dann gilt fu¨r n ≥ 1: Qn(c) = Rnc (c) = ( 4 27 )αn 1 c pn(c) qn(c) mit zwei teilerfremden Polynomen pn und qn, wobei gilt • pn(0) = qn(0) = 1 • deg Qn = deg pn = 6n • deg qn+1 = 4 · deg pn + 2 · deg qn < deg pn+1 − 1 • αn = 2n − 1 Beweis: Wir beweisen das Lemma mit vollsta¨ndiger Induktion. Induktionsanfang: Q1(c) = 4 27 (1− c+ c2)3 c (1− c)2 Es gilt also: p1(c) = (1− c+ c2)3, deg p1 = 6 q1(c) = (1− c)2, deg q1 = 2 p1 und q1 sind teilerfremd. p1(0) = q1(0) = 1 α1 = 1 Grundlegende Eigenschaften 12 Induktionsschluß: Qn+1(c) = 4 27c (1−Qn(c) + (Qn(c))2)3 Qn(c)2 · (1−Qn(c))2 = 427c ( 1− ( 4 27 )αn · 1c · pn(c) qn(c) + ( 4 27 )2αn 1 c2 · (pn(c))2 (qn(c))2 )3 ( 4 27 )2αn · 1c2 (pn(c))2 (qn(c))2 · ( 1− ( 4 27 )αn · 1c pn(c) qn(c) )2 = ( 4 27 )2αn+1 ( (pn(c))2 − ( 4 27 )−αn pn(c) c qn(c) + ( 4 27 )−2αn c2(qn(c))2 )3 c (pn(c))2 (qn(c))2 ( pn(c)− ( 4 27 )−αn cqn(c) )2 Damit erhalten wir also: αn+1 = 2αn + 1 pn+1(c) = ( (pn(c))2 − ( 4 27 )−αn pn(c) c qn(c) + ( 4 27 )−2αn c2(qn(c))2 )3 qn+1(c) = (pn(c))2 (qn(c))2 ( pn(c)− ( 4 27 )−αn c qn(c) )2 Wegen pn+1(c) =   ( pn(c)− ( 4 27 )−αn cqn(c) )2 + pn(c) ( 4 27 )−αn c qn(c)   3 ist dies die gesuchte Darstellung und es gilt pn+1(0) = qn+1(0) = 1. Es ist deg pn+1 = 6 · deg pn und deg qn+1 = 4 · deg pn + 2 · deg qn. Damit ist die Behauptung bewiesen. 2 Lemma 1.7 Es gilt fu¨r n ≥ 1: deg qn = 2n(3n − 2). Beweis: Wir zeigen durch Induktion, dass deg pn − deg qn = 2n+1. Der In- duktionsanfang ist trivial. Es gilt deg pn+1 − deg qn+1 = 6deg pn − 4 deg pn − 2 deg qn = 2(deg pn − deg qn) = 2n+2. Damit folgt dann die Behauptung. 2 Grundlegende Eigenschaften 13 1.3 Die Parameterebene – elementare Eigen- schaften Ein wesentlicher Teil dieser Arbeit besteht in der Untersuchung der Para- meterebene der Familie (Rc), c ∈ C∗. In diesem Abschnitt wollen wir erste Ergebnisse vorstellen. Wir teilen nun die Parameterebene (”c-Ebene“) ein: Definition 1.8 Es sei Ω0 := {c ∈ C∗ : c ∈ U∞(c)}, Ωn := {c ∈ C∗ : Rnc (c) ∈ U∞(c), Rn−1c (c) 6∈ U∞(c)} fu¨r n ∈ N und Ω∞ := {c ∈ C∗ : Rnc (c) 6∈ U∞(c) fu¨r alle n ∈ N0}. Die zusammenha¨ngenden Komponenten von Ωn, n ≥ 0, nennen wir Flucht- komponenten der Ordnung n (vergleiche auch [Roe]). Fu¨r Parameter in den Fluchtkomponenten ”flu¨chten“ also alle kritischenPunkte nach ∞, insbesondere kann es keine anderen periodischen Kompo- nenten der Fatoumenge als das Außengebiet U∞ geben. Abbildung 1.3: Die Fluchtkomponenten Grundlegende Eigenschaften 14 Bemerkung 1.9 (Legende) In Bild 1.3 la¨ßt sich an der ”zentralen“ Farbejeder Fluchtomponente ihre Ordnung ablesen: Die beschra¨nkte Komponente, die in der Mitte rot gefa¨rbt ist, ist die Fluchtkomponente erster Ordnung. Die Komponenten, die in ihrer Mitte gelb sind, sind die 8 Komponenten zweiter Ordnung. Zwei von ihnen sind so klein, dass sie auf dem Bild nicht zu erkennen sind. Die Komponenten, die in der Mitte hellgru¨n sind, sind die Komponenten dritter Ordnung; die Komponenten, die in der Mitte blau sind, sind die Komponenten vierter Ordnung und so weiter (vergleiche auch Satz 3.19 und Folgerung 3.20). Lemma 1.10 Es gilt {c ∈ C∗ : |c| ≥ 6} ⊆ Ω0. Beweis: Die Behauptung ergibt sich direkt aus Folgerung 1.5, da |c| ≥ rc fu¨r |c| ≥ 6. 2 Bemerkung 1.11 Da fu¨r jedes n ∈ N die Lo¨sungen von Qn(c) = Rnc (c) = c in Ω∞ liegen, ist Ω∞ 6= ∅. Satz 1.12 Ω∞ ∪ {0} ist kompakt. Beweis: Wir betrachten wieder die in Lemma 1.6 definierte Folge rationaler Funktionen (Qn). Dann gilt Ω∞ = {c ∈ C∗ : Rnc (c) 6∈ U∞(c) fu¨r alle n ∈ N0} Lemma 1.4= {c ∈ C∗ : |Rnc (c)| ≤ 6 + 27 4 |c| fu¨r alle n ∈ N} = {c ∈ C∗ : |Qn(c)| ≤ 6 + 27 4 |c| fu¨r alle n ∈ N} = ⋂ n∈N0 { c ∈ C∗ : |Qn(c)| ≤ 6 + 27 4 |c| } Da die Funktion c 7→ |Qn(c)|− 27 4 |c| chordal stetig in C ∗ ist, ist Ω∞ als Schnitt abgeschlossener Mengen abgeschlossen in C∗. Nach obigem Lemma 1.10 ist Ω∞ ⊆ {c : |c| < 6} und somit beschra¨nkt. Damit folgt die Behauptung. 2 Der folgende Satz stellt lediglich eine U¨bertragung von Theorem 4.6 in [McM1], Seite 60, dar: Satz 1.13 Fu¨r c ∈ C∗ gilt: c ∈ ∂Ω∞ ⇔ {Qn : n ∈ N} ist nicht normal in c. Grundlegende Eigenschaften 15 Beweis: Fu¨r jedes c ∈ Ω◦∞ und alle n ∈ N gilt |Qn(c)| ≤ 6 + 27 4 |c| . Insbe- sondere gibt es also zu jedem c0 ∈ Ω◦∞ einen Radius ρ0, so dass |Qn(c)| ≤ ρ0 fu¨r alle c in einer Umgebung von c0 und alle n ∈ N0. Damit ist die Familie {Qn : n ∈ N} normal in Ω◦∞. In ⋃ n∈N0 Ωn gilt Qn(c) →∞ (n→∞) und somit ist die Famile {Qn : n ∈ N} auch normal in ⋃ n∈N0 Ωn. Sei nun c0 ∈ ∂Ω∞. Dann gibt es in jeder Umgebung von c0 Parameter c mit Qn(c) → ∞ und solche, fu¨r die (Qn(c))n∈N beschra¨nkt ist. Somit ist die Familie {Qn : n ∈ N} nicht normal in c0. 2 Bemerkung 1.14 Wir u¨bernehmen die Bezeichnung von McMullen und nennen C∗ \ ∂Ω∞ die Menge der ”J-stabilen Parameter“ und ∂Ω∞ die Bifur-kationsmenge. Lemma 1.15 Ω∞ ist symmetrisch bezu¨glich Spiegelung an der reellen Ach- se. Beweis: Es ist Rc(z) = 4 27c (z2 − z + 1)3 z2(z − 1)2 = Rc(z) fu¨r alle c ∈ C ∗ und alle z ∈ C. Nutzt man Rn+1c (z) = Rc (Rnc (z)) = Rc ( Rnc (z) ) = Rc(Rnc (z)) = Rn+1c (z) aus, so erha¨lt man mit Induktion fu¨r alle n ∈ N: Qn(c) = Qn(c) Dies liefert die Behauptung. 2 1.4 Exkurs: Modulfunktionen und R1 Dieser Exkurs orientiert sich imWesentlichen an der Darstellung von Chandra- sekhran ([Cha], Seite 81-121); man vergleiche auch die Monographie von Schoeneberger ([Sch]). Im Folgenden sei H := {z ∈ C : Im z > 0} die obe- re Halbebene. Die Gruppe Γ := { z 7→ az + bcz + d : a, b, c, d ∈ Z, ad− bc = 1 } heißt die Modulgruppe. Sie ist die von z 7→ 1−z und z 7→ 1 + z erzeugte Untergruppe der Gruppe der Mo¨biustransformationen. Grundlegende Eigenschaften 16 Definition 1.16 Die meromorphe, nicht konstante Funktion f : H → Ĉ heißt Modulfunktion, wenn sie invariant unter der Modulgruppe ist, das heißt wenn f(Mz) = f(z) fu¨r alle M ∈ Γ gilt. Ha¨ufig werden etwas allgemeiner auch solche Funktionen als Modulfunktio- nen bezeichnet, die invariant unter einer Untergruppe der Modulgruppe sind. Fu¨r Im ω1ω2 > 0 verwenden wir die u¨blichen Bezeichnungen g2(ω1, ω2) = 60 ∑ (mω1 + nω2)−4 und g3(ω1, ω2) = 140 ∑ (mω1 + nω2)−6. Dabei ist u¨ber alle Paare (m,n) ∈ Z × Z \ {(0, 0)} zu summieren. Fu¨r τ = ω1ω2 definieren wir nun die absolute Invariante durch J(τ) := (g2(ω1, ω2)) 3 (g2(ω1, ω2))3 − 27(g3(ω1, ω2))2 . Die Funktion J ist dann eine Modulfunktion, und es gilt sogar der folgende Satz: Satz 1.17 Der Ko¨rper der Modulfunktionen ist gleich dem Ko¨rper C(J). Es sei ℘ die Weierstraßsche ℘-Funktion sowie e1 = ℘ (ω1 2 ) , e2 = ℘ (ω2 2 ) und e3 = ℘ (ω1 + ω2 2 ) . Dann sind e1, e2 und e3 paarweise verschieden und wir ko¨nnen durch λ(τ) = e3 − e2e1 − e2 eine in Im τ > 0 holomorphe Funktion definieren. Diese ist invariant unter der Gruppe Γ(2), die von den beiden Mo¨biustransformationen z 7→ z1− 2z und z 7→ z + 2 erzeugt wird. Diese Gruppe entha¨lt gerade die Elemente der Modulgruppe, bei denen a und d gerade sind, wa¨hrend b und c ungerade sind. Ferner ist unsere Gruppe Σ (bis auf Isomorphie) gleich der Faktorgruppe Γ/Γ(2). Der besondere Zusammenhang zu der in dieser Arbeit betrachteten Familie besteht darin, dass die Funktion R1 gerade die Funktionen J und λ ineinander u¨berfu¨hrt vermo¨ge J(τ) = R1(λ(τ)) fu¨r Im τ > 0 (vergleiche [Cha], Seite 117). Kapitel 2 Hilfsmittel 2.1 Die Riemann-Hurwitz-Formel Eines der am ha¨ufigsten benutzen Hilfsmittel in der Theorie der Iteration rationaler Funktionen ist die Formel von Riemann-Hurwitz (vergleiche zum Beispiel [St1], Seite 7, oder [St2]): Satz 2.1 (Riemann-Hurwitz-Formel) Es seien D,G zwei Gebiete mit endlicher Zusammenhangszahl. Weiter sei f : D → G eine eigentliche Ab- bildung vom Grad k, die in D genau r kritische Punkte habe (entsprechend deren Vielfachheit geza¨hlt). Dann gilt: ♯D − 2 = k · (♯G− 2) + r 2.2 Quasikonforme Abbildungen Ein wichtiges Hilfsmittel in der komplexen Dynamik ist die Methode der quasikonformen Chirurgie und der polynom-a¨hnlichen Abbildungen, wie sie 1985 von Douady und Hubbard (vergleiche [DouHub]) entwickelt und spa¨ter unter anderem von Shishikura ([Shi]) weiterentwickelt wurde. Die Grund- lage hierfu¨r bildet die Theorie der quasikonformen Abbildungen, die schon seit den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts untersucht worden sind. Wesentliche Beitra¨ge haben hier Gro¨tzsch (1928, zu regula¨r quasikonformen Abbildungen), Teichmu¨ller, Morrey (1938, zur analytischen Definition und der Beltramigleichung), Ahlfors (1954, zur geometrischen Definition), Mori, Bers und andere geliefert. Die Theorie ist in der Monographie von O. Lehto und K.I. Virtanen (vergleiche [LehVir]) umfassend dargestellt. Wir geben hier nur eine kurze U¨bersicht u¨ber die wichtigsten in dieser Arbeit verwendeten Begriffe und Resultate. Hilfsmittel 18 Im Folgenden sei D stets ein Gebiet in C. Fu¨r eine differenzierbare Funktion f : D → C seien fz := 1 2(fx − ify) und fz := 1 2(fx + ify) die Wirtinger-Ableitungen und Jf := |fz|2 − |fz|2 die Jacobi-Determinante von f . Dann gelten fu¨r differenzierbare Funktionen f, g, h : C → C mit h = f ◦ g die Kettenregeln hz = (fw ◦ g) gz + (fw ◦ g) gz und hz = (fw ◦ g) gz + (fw ◦ g) gz. Ferner ist f genau dann holomorph, wenn fz = 0. Definition 2.2 Eine differenzierbare Funktion f : D → C heißt regula¨r K- quasikonform, wenn gilt: 1. Jf > 0 in D 2. f ist injektiv in D 3. |fz|+ |fz||fz| − |fz| ≤ K in D. Bemerkung 2.3 Bezeichnen wir fu¨r α ∈ R mit ∂αf(z) = limt→0 f(z + teiα)− f(z) t = e iαfz(z) + e−iαfz(z) die Richtungsableitung von f , so kann die dritte Bedingung durch max α |∂αf(z)| ≤ K minα |∂αf(z)| in D ersetzt werden. Definition 2.4 Es sei f : D → C differenzierbar mit Jf > 0. Dann heißt µf := fz fz der Beltrami-Koeffizient (oder die komplexe Dilatation) von f . Hilfsmittel 19 Ein orientierungserhaltender Diffeomorphismus f ist genau dann regula¨r K- quasikonform, wenn |µf | ≤ K − 1 K + 1 ist. Ist weiterhin g konform und h = f ◦g, so gilt die Kettenregel µh = (µf ◦g) g′ g′ . Definition 2.5 (Die geometrische Definition) Ein orientierungserhal- tender Homo¨omorphismus f : D → C heißt K-quasikonform, wenn fu¨r jedes Ringgebiet R mit R ⊆ D gilt: mod f(R) ≤ K mod R Quasikonforme Abbildungen lassen sich jedoch nicht nur durch ihre geometri- schen Eigenschaften charakterisieren, sondern auch durch ihre analytischen Eigenschaften. Dies soll im Folgen kurz skizziert werden. Definition 2.6 Eine Funktion f : [a, b] → C heißt absolut stetig, wenn es zu jedem ε > 0 ein δ > 0 gibt, so dass folgendes gilt: Ist n ∈ N und a ≤ x1 < x∗1 ≤ x2 < x∗2 ≤ · · · ≤ xn < x∗n ≤ b mitn∑ k=1 (x∗k − xk) < δ, so ist n∑ k=1 |f(x∗k)− f(xk)| < ε. Definition 2.7 Eine Funktion f : D → C heißt absolut stetig auf Geraden (kurz: ACL), wenn fu¨r jedes Rechteck [a, b]× [c, d] ⊆ D gilt: 1. Fu¨r fast alle y ∈ [c, d] ist x 7→ f(x+ iy) abolut stetig in [a, b]. 2. Fu¨r fast alle x ∈ [a, b] ist y 7→ f(x+ iy) abolut stetig in [c, d]. Definition 2.8 Die Funktion f : [a, b] → C hat die verallgemeinerte Ab- leitung Φ ∈ L([a, b],C), wenn fu¨r jede Testfunktion ω ∈ C∞([a, b],C) mit ω(a) = ω(b) = 0 gilt: b∫ a Φ(x)ω(x)dx = − b∫ a f(x)ω′(x) Fu¨r verallgemeinerte Ableitungen gilt also die Regel der partiellen Integra- tion. Besitzt f die verallgemeinerte Ableitung Φ, so ist diese fast u¨berall eindeutig bestimmt und wir schreiben auch f ′ = Φ. Definition 2.9 Es sei Ck0 (D) die Menge aller Funktionen ω ∈ Ck(D) mit kompaktem Tra¨ger T := {z : ω(z) 6= 0} ⊆ D. Entsprechend sei C∞0 (D) die Menge aller Funktionen ω ∈ C∞(D) mit kompaktem Tra¨ger. Hilfsmittel 20 C∞0 (D) ist dicht in Lp(D); nach dem Satz von Gauß gilt fu¨r f ∈ C1(D) und ω ∈ C∞0 (D): ∫ fzω = − ∫ fωz und ∫ fzω = − ∫ fωz Dies motiviert die folgende Definition: Definition 2.10 Die Funktion f ∈ C0(D) hat die verallgemeinerten Ablei- tungen g, h ∈ Lploc(D), wenn fu¨r alle Testfunktionen ω ∈ C∞0 (D) gilt: ∫ gω = − ∫ fωz und ∫ hω = − ∫ fωz g und h sind dann fast u¨berall eindeutig bestimmt und wir schreiben wieder g = fz und h = fz. Dabei sei h ∈ Lploc(D), wenn hp u¨ber jeder kompakten Teilmenge von D integrierbar ist. Lemma 2.11 Jede quasikonforme Abbildung f : D → C hat verallgemeiner- te Ableitungen fz, fz ∈ L2loc(D) und es ist Jf > 0 fast u¨berall. Satz 2.12 (Die analytische Definition) Es sei f : D → C ein orientie- rungserhaltender Homo¨omorphismus. Dann ist f genau dannK-quasikonform, wenn gilt: 1. f ist absolut stetig auf Geraden. 2. f ist fast u¨berall differenzierbar und es gilt die Abscha¨tzung max α |∂αf(z)| ≤ K minα |∂αf(z)|. (Vergleiche hierzu etwa [LehVir], Seite 170-176) Regula¨r quasikonforme Abbildungen erfu¨llen die Beltramigleichung fz = µ(z)fz, und quasikonforme Abbildungen erfu¨llen diese Gleichung ebenfalls im Sinne verallgemeinerter Ableitungen. Das fu¨r uns wichtigste Resultat der Theorie ist nun der Existenzsatz von Ahl- fors und Bers (auch als ”Measurable Riemann Mapping Theorem“ bezeich-net), der es erlaubt, zu einem beliebig vorgegebenen Beltramikoeffizienten eine quasikonforme Abbildung zu konstruieren: Hilfsmittel 21 Satz 2.13 (Satz von Ahlfors-Bers) Zur meßbaren Funktion µ : C → C mit |µ(z)| ≤ k = K−1K+1 < 1 gibt es eine quasikonforme Abbildung f : C → C mit fz = µ(z)fz fast u¨berall. Die Ableitungen sind hier als verallgemeinerte Ableitungen im Sinne der Definition 2.10 zu verstehen. Dieser Satz findet sich in [LehVir] auf Seite 204 und in [St4]. Bemerkung 2.14 Die Lo¨sung der Beltramigleichung ist eindeutig bestimmt durch die Normierung f(0) = 0, f(1) = 1 und lim z→∞ f(z) = ∞. Definition 2.15 Es sei G ⊆ Ĉ ein Gebiet. Eine Abbildung f : G→ Ĉ heißt K-quasiregula¨r, wenn f sich lokal als g ◦ϕ mit einer analytischen Abbildung g und einer K-quasikonformen Abbildung ϕ schreiben la¨ßt. Definition 2.16 Es sei G ⊆ Ĉ ein Gebiet. Eine Abbildung f : G → G heißt gleichma¨ßig K-quasiregula¨r, wenn f und alle Iterierten fn, n ≥ 1, K- quasiregula¨r sind mit einem festen K > 1. Definition 2.17 Es seien U, V ⊆ C Gebiete, f : U → V eine quasiregula¨re Abbildung und µ : V → C ein Beltramikoeffizient. Dann heißt f ∗µ := µf + (µ ◦ f) · fzfz 1 + µf · (µ ◦ f) · fzfz das Pull-Back von µ unter f (vergleiche [Gey2], Seite 10). Bemerkung 2.18 Die Kettenregel fu¨r Beltramikoeffizienten besagt, dass fu¨r jede quasiregula¨re Abbildung g mit µg = µ gerade f ∗µ = µg◦f ist. Insbeson- dere ist f ∗µ wieder ein Beltramikoeffizient. Ist f holomorph, so vereinfacht sich die Darstellung zu f ∗µ = (µ ◦ f)f ′f ′ (ver- gleiche zum Beispiel [St4], Seite 22, fu¨r rationales f). 2.3 Beltramikoeffizienten und symmetrische Abbildungen In den folgenden Kapiteln soll die Parameterebene (”c-Ebene“) der Familie Rc(z) = 4 27 c (z2 − z + 1)3 z2(z − 1)2 , c ∈ C ∗, untersucht werden. Dazu wird als ein Hilfsmittel 22 wesentliches Hilfsmittel die Methode der quasikonformen Chirurgie dienen. Da die zu untersuchende Familie symmetrisch ist unter den Abbildungen α(z) := 1− z und β(z) := 1z (vergleiche Satz 1.1), beno¨tigen wir eine Aussa- ge daru¨ber, wie diese Symmetrien bei quasikonformer Konjugation erhalten bleiben. Hierzu beno¨tigen wir die folgenden vier Lemmata. Es sei an dieser Stelle bemerkt, dass ein entsprechendes Resultat auch in [Roe] verwendet wird (dort fu¨r die Symmetrien z 7→ iz und z 7→ −z). Lemma 2.19 Es sei f ∈ C1(C) und es gelte f(z) = f(1 − z) fu¨r z ∈ C. Dann gilt auch fu¨r den Beltramikoeffizienten µf(z) = µf(1− z). Beweis: Es sei α(z) := 1 − z und h(z) := f(α(z)) = f(1 − z). Dann gilt nach der Kettenregel fu¨r den Beltramikoeffizienten: µf(z) = µh(z) = (µf ◦ α)(z) α′(z) α′(z) = µf(1− z) 2 Lemma 2.20 Es sei f ∈ C1(C) und es gelte f(z) = f(1/z) fu¨r z ∈ C. Dann gilt fu¨r den Beltramikoeffizienten µf(z) = µf(1/z) ( z z )2 fu¨r alle z ∈ C. Beweis: Es sei β(z) := 1z und h(z) := f(β(z)). Dann folgt die Behauptung wie im Beweis des vorigen Lemmas. 2 Lemma 2.21 Es sei µ ein Beltramikoeffizient mit µ(z) = µ(1−z) und ϕ die Lo¨sung der zugeho¨rigen Beltramigleichung ϕz = µ(z)ϕz mit der Normierung ϕ(0) = 0, ϕ(1) = 1 und lim z→∞ ϕ(z) = ∞. Dann gilt ϕ(z) = 1− ϕ(1− z). Beweis: Wir setzen ψ(z) := 1 − ϕ(1 − z). Dann lo¨st auch ψ die Beltrami- gleichung fu¨r µ und die Behauptung folgt aus der Eindeutigkeit der Lo¨sung (siehe [LehVir], Seite 193). 2 Lemma 2.22 Es sei µ ein Beltramikoeffizient mit µ(z) = µ(1/z) ( z z )2 und ϕ die Lo¨sung der zugeho¨rigen Beltramigleichung ϕz = µ(z)ϕz mit der Normierung ϕ(0) = 0, ϕ(1) = 1 und lim z→∞ ϕ(z) = ∞. Dann gilt ϕ(z) = 1ϕ(1/z) . Hilfsmittel 23 Beweis: Wir setzen ψ(z) := 1ϕ(1/z) und ζ(z) := ϕ(1/z). Dann gilt ζ = ϕ◦β und nach der Kettenregel ergibt sich ζz = (ϕw ◦ β) · (− 1 z2 ) + (ϕw ◦ β) · 0 ζz = (ϕw ◦ β) · 0 + (ϕw ◦ β) · (− 1 z2 ) Weiter gilt ψ = β ◦ ζ und wir erhalten mit nochmaliger Anwendung der Kettenregel ψz = (βw ◦ ζ)ζz + 0 = −1 (ζ(z))2 ζz ψz = (βw ◦ ζ)ζz + 0 = −1 (ζ(z))2 ζz Damit folgt nun ψz ψz (z) = ζzζz (z) = ϕw(1/z)ϕw(1/z) ( z z )2 = µ(1/z) ( z z )2 = µ(z) Auch ψ erfu¨llt die Normierung ψ(0) = 0, ψ(1) = 1 und lim z→∞ ψ(z) = ∞. Die Eindeutigkeitsaussage aus dem Satz von Ahlfors-Bers liefert nun ψ = ϕ wie im vorigen Lemma. 2 2.4 Polynom-a¨hnliche Abbildungen Polynoma¨hnliche Abbildungen wurden 1985 von A. Douady und J.H. Hub- bard eingefu¨hrt (siehe [DouHub] und [Dou]). In ihrer Arbeit finden sich auch die hier aufgefu¨hrten Resultate. Definition 2.23 Eine polynom-a¨hnliche Abbildung vom Grad d ist ein Tripel (f,D1, D2), wobei D1, D2 einfach zusammenha¨ngende, analytisch berandete Gebiete in C mit D1 ⊆ D2 sind, und f : D1 → D2 eine eigentliche Abbildung vom Grad d ist. Wir bezeichnen dann Kf := ⋂ n≥0 f−n(D1) als die aufgefu¨llte Juliamenge von f und ∂Kf als die Juliamenge von f . Definition 2.24 Es seien (f,D1, D2) und (g, D˜1, D˜2) zwei polynom-a¨hnli- che Abbildungen. f und g heißen quasikonform a¨quivalent, wenn es einen quasikonformen Homeomorphismus ϕ von einer Umgebung von Kf auf eine Umgebung von Kg gibt, so dass dort ϕ ◦ f = g ◦ ϕ. Hilfsmittel 24 Das wichtigste Resultat u¨ber polynom-a¨hnliche Abbildungen ist der folgen- de Satz von Douady und Hubbard (vergleiche [DouHub]), nach dem jede polynom-a¨hnliche Abbildung quasikonform a¨quivalent zu einem Polynom ist. Satz 2.25 (Straightening Theorem) Jede polynom-a¨hnliche Abbildung f : D1 → D2 vom Grad d ist quasikonform a¨quivalent zu einem Polynom P vom Grad d. 2.5 Das λ-Lemma Die in diesem Abschnitt vorgestellten Ideen finden ihren Ursprung in der Arbeit von Man˜e´, Sad und Sullivan (vergleiche [MSS]). Die Resultate finden sich ebenfalls in der Monographie von C. McMullen (vergleiche [McM1], Seite 53-63). Wir geben Sie hier nur fu¨r den Fall einer u¨ber einem Gebiet der komplexen Ebene parametrisierten Familie wieder, da dies fu¨r unsere Arbeit ausreichend ist. Definition 2.26 Es sei X ein Gebiet in C. Eine nach X parametrisierte holomorphe Familie rationaler Abbildungen ist eine holomorphe Abbildung f : X × Ĉ → Ĉ, bezeichnet mit fλ(z), wobei λ ∈ X und z ∈ Ĉ, so dass fλ : Ĉ → Ĉ eine rationale Abbildung ist. Ist nun x ∈ X ein fester Basispunkt, so verstehen wir unter einer holomor- phen Bewegung einer Menge E ⊂ Ĉ parametrisiert nach (X, x) eine Familie Φλ : E → Ĉ injektiver Abbildungen, so dass Φλ(e) fu¨r jedes feste e eine holomorphe Funktion von λ ist und Φx = id. Beispiel 2.27 Die Abbildung R : C\{0}×Ĉ → Ĉ, (c, z) 7→ 427 c (z2 − z + 1)3 z2(z − 1)2 ist eine holomorphe Familie rationaler Abbildungen. Lemma 2.28 (Das λ-Lemma) Eine holomorphe Bewegung von E hat eine eindeutige Fortsetzung zu einer holomorphen Bewegung von E. Die fortge- setzte Bewegung liefert eine stetige Abbildung Φ : X × E → Ĉ. Fu¨r jedes λ la¨ßt sich die Abbildung Φλ : E → Ĉ zu einer quasikonformen Selbstabbildung von Ĉ fortsetzen. (Vergleiche hierzu [McM1], Seite 54, und [MSS].) Aus diesem Lemma ergibt sich der folgende Satz: Satz 2.29 Es sei fλ eine nach X parametrisierte holomorphe Familie ra- tionaler Abbildungen und x ∈ X. Weiter seien ci : X → Ĉ holomorphe Hilfsmittel 25 Abbildungen, die die kritischen Punkte von fλ parametrisieren. Dann sind die folgenden Bedingungen a¨quivalent: • Die Anzahl der (super-)attraktiven Zykel von fλ ist lokal konstant in x. • Die maximale Periode eines (super-)attraktiven Zykels von fλ ist lokal beschra¨nkt in x. • Die Juliamenge J (fλ) ha¨ngt in einer Umgebung von x in der Hausdorff- Topologie stetig von λ ab. • Fu¨r jedes i bilden die Funktionen λ 7→ fnλ (ci(λ)), n ∈ N0, eine normale Familie in x. • Es gibt eine Umgebung U von x, so dass fu¨r alle λ in U gilt: ci(λ) ∈ J (fλ) ⇔ ci(x) ∈ J (fx) Kapitel 3 Die Fluchtkomponenten 3.1 Die Dynamik in den Fluchtkomponenten In diesem Abschnitt soll zuna¨chst das dynamische Verhalten der rationalen Funktion Rc fu¨r c ∈ Ωn, n ∈ N0, untersucht werden. Anschließend wenden wir das λ-Lemma von Man˜e´, Sad und Sullivan an und zeigen, dass die Men- gen Ωn, n ∈ N0, alle offen sind. Es sei zuna¨chst bemerkt, dass fu¨r c ∈ ⋃ n∈N0 Ωn die Fatoumenge Fc nur aus U∞(c) und den sukzessiven Urbildern besteht. Wir unterteilen die Menge Ω0 nun weiter: Definition 3.1 Es sei Ω(0)0 := {c ∈ Ω0 : U0(c) = U1(c) = U∞(c)} die Menge der Parameter, fu¨r die der kritische Wert c und alle seine kritischen Urbilder im Außengebiet enthalten sind und Ω(1)0 := {c ∈ Ω0 : U0(c), U1(c) und U∞(c) sind paarweise verschieden } die Menge der Parameter, fu¨r die zwar der kritische Wert c im Außengebiet enthalten ist, aber nicht alle seine Urbilder. Bemerkung 3.2 Nach Lemma 1.3 gilt natu¨rlich Ω0 = Ω(0)0 ∪ Ω(1)0 . Spa¨ter werden wir zeigen, dass Ω(1)0 = ∅ ist, also Ω0 = Ω(0)0 . Die Fluchtkomponenten 27 Satz 3.3 (Dynamik in Ω0) a) Fu¨r c ∈ Ω(0)0 gilt: Fc = U∞(c) ist zusammenha¨ngend, ♯U∞(c) = ∞ Jc = ∂U∞(c) ist total unzusammenha¨ngend, also eine Cantormenge. b) Fu¨r c ∈ Ω(1)0 gilt: Fc besteht aus unendlich vielen stabilen Gebieten, ♯U∞(c) = ∞ Jc besteht aus u¨berabza¨hlbar vielen Zusammenhangskomponenten. Fu¨r ein Gebiet G sei dabei mit ♯G die Zusammenhangszahl des Gebietes G bezeichnet. Die Aussage in b) ist hier rein hypothetisch, da wir spa¨ter zei- gen, dass Ω(1)0 = ∅ ist. Wir nutzen jedoch vorher im Beweis von Satz 3.9 und Bemerkung 3.10 die Tatsache, dass sich die Dynamik in (etwaigen) Kompo- nenten von Ω(1)0 qualitativ von der Dynamik in anderen Fluchtkomponenten unterscheidet, um zu zeigen, dass alle Fluchtkomponenten offen sind. Beweis: Sei zuna¨chst c ∈ Ω(0)0 . Dann ist U∞(c) vollsta¨ndig invariant und entha¨lt alle kritischen Punkte. Dann ist Jc = ∂U∞(c) und Jc ist total unzu- sammenha¨ngend (vergleiche Satz 3, Seite 40, und Satz 2, Seite 121, in [St1] ). Sei nun c ∈ Ω(1)0 . Dann ist Rc(−1) = Rc(2) = Rc(12) = c ∈ U∞(c) und somit −1, 2, 12 ∈ R−1c (U∞(c)) = U0(c) ∪ U1(c) ∪ U∞(c). Aus der Symmetrie der Fatoumenge unter Σ (vergleiche Satz 1.1 und die Abbildung 1.1, Seite 9) folgt nun 12 ∈ U∞(c), −1 ∈ U1(c) und 2 ∈ U0(c). Die Riemann-Hurwitz-Formel liefert ♯U∞(c) = ∞. Es folgt, dass die Julia- menge nicht zusammenha¨ngend ist und somit aus u¨berabza¨hlbar vielen Zu- sammenhangskomponenten besteht. 2 Wir wissen schon aus Lemma 1.10, dass {c ∈ C∗ : |c| ≥ 6} ⊆ Ω0 ist. Dies wollen wir nun noch etwas pra¨zisieren, wobei wir nur elementare Methoden anwenden. Spa¨ter werden wir sehen, dass Ω(0)0 = Ω0 und somit nach Lemma 1.10 die Kreisscheibe {c ∈ C∗ : |c| ≥ 6} in Ω(0)0 enthalten ist. Lemma 3.4 Es gibt ein r0 > 0 mit: {c ∈ C∗ : |c| ≥ r0} ⊆ Ω(0)0 Beweis: ZumBeweis betrachten wir wieder die FunktionR(z) = (z 2 − z + 1)3 z2(z − 1)2 . Dann gilt (wie im Beweis von Lemma 1.4 gezeigt) fu¨r alle z ∈ C mit |z| ≥ 6 die Ungleichung |R(z)| ≥ |z|2 − 3|z| ≥ |z| ≥ 6. Die Fluchtkomponenten 28 Nun ist aber die Funktion z 7→ |R(z)| stetig auf {3 2 ≤ |z| ≤ 6 } , und nimmt, da sie dort positiv ist, ein Minimum m > 0 an. Es folgt insgesamt |R(z)| ≥ min{m, 6} =: m˜ fu¨r alle z ∈ C mit |z| ≥ 32. Ist nun aber |c| ≥ r0 := 81 8m˜ , so folgt fu¨r diese z: |Rc(z)| ≥ 4 27 |c|m˜ ≥ 4 27 · 81 8m˜ · m˜ = 3 2 Insbesondere gilt also { z : |z| ≥ 32 } ⊆ U∞(c). Das Aussengebiet entha¨lt also den freien kritischen Punkt z = 2 und somit folgt nach den U¨berlegungen im Beweis von Satz 3.3, dass c ∈ Ω(0)0 . 2 Abbildung 3.1: Juliamenge als Cantormenge (c=2,5+2,5i) Die Fluchtkomponenten 29 Auch die Menge Ω1 soll weiter unterteilt werden: Definition 3.5 Es sei Ω(0)1 := {c ∈ Ω1 : c ∈ U0(c)} die Menge der Parameter, fu¨r die der kritische Wert c im (vom Außengebiet verschiedenen) stabilen Gebiet um 0 liegt und Ω(1)1 := {c ∈ Ω1 : c ∈ U1(c)} die Menge der Parameter, fu¨r die der kritische Wert c im (vom Außengebiet verschiedenen) stabilen Gebiet um 1 liegt. Bemerkung 3.6 Offensichtlich gilt Ω1 = Ω(0)1 ∪ Ω(1)1 . Spa¨ter werden wir zeigen, dass Ω(0)1 = ∅, also Ω1 = Ω(1)1 . Abbildung 3.2: Juliamenge fu¨r c=1 Die Fluchtkomponenten 30 Satz 3.7 (Dynamik in Ω1) a) Fu¨r c ∈ Ω(0)1 gilt: Fc besteht aus unendlich vielen stabilen Gebieten. ♯U∞(c) = ♯U0(c) = ♯U1(c) = 1 Die fu¨nf weiteren kritischen Punkte −1, 2, 12 , z+, z− liegen im einzigen Urbildgebiet U von U0 und es gilt ♯U = 3. b) Fu¨r c ∈ Ω(1)1 gilt: • Die Fatoumenge Fc besteht aus unendlich vielen stabilen, einfach zusammenha¨ngenden Gebieten. • Das Außengebiet U∞(c) hat genau 2 Urbildgebiete der Ordnung 1, 5 Urbildgebiete der Ordnung 2 und 5 · 6k−2 Urbildgebiete der Ordnung k, k ≥ 3. • Die Juliamenge Jc ist zusammenha¨ngend und sogar lokal zusam- menha¨ngend. Wie in Satz 3.3 ist hier die Aussage in a) rein hypothetischer Natur. Beweis: Fu¨r c ∈ Ω1 gilt: Rc(c) ∈ U∞(c), aber c 6∈ U∞(c). Insbesondere gilt nach Lemma 1.3, dass die stabilen Gebiete U0(c), U1(c) und U∞(c) paarwei- se disjunkt sind. Damit entha¨lt U∞(c) neben ∞ keinen weiteren kritischen Punkt und ist deshalb einfach zusammenha¨ngend (vergleiche Satz 4, Seite 65, in [St1]). Behauptung: ♯U0 = ♯U1 = 1 Beweis: Da 0 und 1 doppelte Polstellen sind, bildet Rc die beiden Gebiete U0 und U1 als eigentliche Abbildung vom Grad 2 auf U∞ ab: Rc : Uj 2:1→ U∞ (j = 0, 1) Die Riemann-Hurwitz-Formel liefert nun: (♯Uj − 2) = 2 (♯U∞ − 2) + rj und somit ♯Uj = rj , wobei rj die Anzahl der kritischen Punkte von Rc in Uj bezeichne. Nehmen wir nun an, eines der beiden Gebiete U0 bzw. U1 enthalte neben 0 bzw. 1 einen weiteren kritischen Punkt, so ergibt sich in jedem Fall ein Wider- spruch: Wa¨re z± ∈ Uj , so wa¨re U∞ = Rc(Uj) = U0 und wa¨re −1, 2, 12 ∈ Uj , so wa¨re c ∈ Rc(Uj) = U∞. Somit ist rj = 1. Damit ist die Behauptung bewiesen. Sei nun zuna¨chst c ∈ Ω(0)1 . Es gilt dann −1, 2, 12 ∈ R−1c (U0) = Uz+ ∪Uz−, wobei Uz+ und Uz− die stabilen Die Fluchtkomponenten 31 Gebiete seien, die die beiden Nullstellen z+ = 1+i √ 3 2 bzw. z− = 1−i √ 3 2 von Rc enthalten. Wir nutzen nun wieder die Symmetrie unter Σ aus. Es gilt α(z+) = z−, β(z+) = z−, α(z−) = z+ und β(z−) = z+. Damit folgt nach Satz 1.1: −1 ∈ Uz+ ⇒ −1 = β(−1) ∈ β(Uz+) = Uz− ⇒ Uz+ = Uz− und analog −1 ∈ Uz− ⇒ Uz+ = Uz− . Somit entha¨lt U := Uz+ = Uz− die drei freien kritischen Punkte −1, 2 und 12 und Rc : U 6:1→ U0 Die Riemann-Hurwitz-Formel liefert dann (♯U − 2) = 6(♯U0 − 2) + 7, also ♯U = 3. Sei nun c ∈ Ω(1)1 : Also ist c ∈ U1(c). Wir bezeichnen fu¨r j = −1, 2, 12 mit Uj das stabile Gebiet, dass den Punkt j entha¨lt und mit rj die Anzahl der kritischen Punkte in Uj . Wir wissen dann, dass Rc das Gebiet U2 eigentlich als (k : 1)-Abbildung auf U1 abbildet mit 2 ≤ k ≤ 6: Rc : U2 k:1→ U1 Mit der Riemann-Hurwitz-Formel ergibt sich (♯U2 − 2) = k(♯U1 − 2) + r2, also ♯U2 = 2 − k + r2. Einsetzen der mo¨glichen Werte fu¨r r2 liefert, dass U2 einfach zusammenha¨ngend ist und genau einen kritischen Punkt (na¨mlich 2) entha¨lt. Ferner ist Rc : U2 2:1→ U1 eine 2 : 1-Abbildung. Die entsprechenden U¨berlegungen gelten analog auch fu¨r −1 und 12 . Somit sind die Gebiete U−1, U2 und U 12 paarweise verschieden und alle einfach zusammenha¨ngend.Außerdem gilt: Rc : Uz+ k:1→ U0, k ∈ {3, 6} Die Riemann-Hurwitz-Formel liefert hier wieder, dass Uz+ neben z+ keinen weiteren kritischen Punkt entha¨lt und dass gilt ♯Uz+ = 1. Entsprechendes gilt fu¨r Uz− . Mit der Riemann-Hurwitz-Formel folgt weiterhin, dass auch alle weiteren Ur- bildgebiete von U∞ unter Rnc , n ∈ N, einfach zusammenha¨ngend sind. Jc ist somit zusammenha¨ngend und, da Rc hyperbolisch ist, sogar lokal zu- sammenha¨ngend (vergleiche [Mat],[LeiYon]). 2 Satz 3.8 (Dynamik in Ωn, n ≥ 2) Es sei c ∈ Ωn = {c ∈ C∗ : Rnc (c) ∈ U∞(c), Rn−1c (c) 6∈ U∞(c)} fu¨r n ∈ N, n ≥ 2. Dann gilt: • Die Fatoumenge Fc besteht aus unendlich vielen stabilen, einfach zu- sammenha¨ngenden Gebieten. Die Fluchtkomponenten 32 • Das Außengebiet U∞(c) hat genau 2 Urbildgebiete der Ordnung 1, 8 Urbildgebiete der Ordnung 2, 8 · 6k−2 Urbildgebiete der Ordnung k fu¨r 3 ≤ k ≤ n, 8 · 6n−1− 3 Urbildgebiete der Ordnung n+1 und (8 · 6n−1− 3)6k−n−1 Urbildgebiete der Ordnung k fu¨r k ≥ n + 2. • Die Juliamenge Jc ist zusammenha¨ngend und lokal zusammenha¨ngend. Beweis: Fu¨r c ∈ Ωn, n ≥ 2 gilt: c 6∈ U∞ ∪ U0 ∪ U1. Wie oben folgt mit der Riemann-Hurwitz-Formel, dass U∞, U0 und U1 alle einfach zusam- menha¨ngend sind und keine weiteren kritischen Punkte enthalten. Es ist Rnc (c) ∈ U∞, Rn−1c (c) 6∈ U∞. Behauptung: Fu¨r k = 3, . . . , n hat U∞ genau 8 · 6k−2 Urbildgebiete der Ordnung k. Diese sind alle einfach zusammenha¨ngend. Wir bezeichnen sie hier mit U [k]j , j = 1, . . . , 8 · 6k−2. Beweis: Wie bei Ω(1)1 folgt: Uz+ 6= Uz− und ♯Uz+ = ♯Uz− = 1. Ist U ein Urbildgebiet von U1, so gilt Rc : U m:1→ U1 und mit der Riemann-Hurwitz-Formel folgt (♯U − 2) = m(♯U1 − 2) + 0, da U keinen kritischen Punkt entha¨lt. Somit ergibt sich ♯U = 2−m und damit m = 1 und ♯U = 1. Damit hat U1 genau 6 direkte Urbildgebiete und U∞ hat insgesamt genau 8 Urbildgebiete der Ordnung 2. Analog erhalten wir, dass Rc : U [k+1]j 1:1→ U [k]j˜ und ♯U [k+1] j = 1, solange kein kritischer Punkt in U [k+1]j liegt, also mindestens fu¨r k ≤ n. Damit ist die erste Behauptung gezeigt. Behauptung: U∞ hat genau 8 · 6n−1 − 3 Urbildgebiete der Ordnung n+ 1. Beweis: In einem Urbildgebiet U [n]j liegt der kritische Wert c. O.B.d.A. sei dies U [n]1 . Dann haben die U [n] j , j = 2, . . . , 8 · 6n−2 je 6 einfach zusam- menha¨ngende Urbildgebiete. Ferner gilt (mit der Notation von oben): Rc : U2 m:1→ U [n]1 und mit der Riemann-Hurwitz-Formel folgt: (♯U2 − 2) = m(♯U [n]1 − 2) + r2 und somit ♯U2 = 2−m+ r2. Einsetzen der mo¨glichen Werte liefert wie oben: r2 = 1 ⇒ m = 2 und ♯U2 = 1 r2 = 2 ⇒ m = 4 und ♯U2 = 0 Widerspruch! r2 = 3 ⇒ m = 6 und ♯U2 = −1 Widerspruch! Die Fluchtkomponenten 33 Analoge U¨berlegungen gelten fu¨r U−1 und U 12 . Also hat U [n] 1 genau 3 ver- schiedene Urbildgebiet, na¨mlich U2, U−1 und U 12 . Diese sind jeweils einfach zusammenha¨ngend und Rc bildet sie eigentlich vom Grad 2 auf U [n]1 ab. Da- mit folgt die zweite Behauptung. Behauptung: Fu¨r k > n + 1 hat U∞ genau (8 · 6n−1 − 3) · 6k−(n+1) Urbild- gebiete der Ordnung k. Diese sind alle einfach zusammenha¨ngend. Beweis: Der Beweis verla¨uft analog zu oben. Jc ist damit zusammenha¨ngend und sogar lokal zusammenha¨ngend (verglei- che [Mat],[LeiYon]). 2 Satz 3.9 Die Mengen Ωn, n ∈ N0, sind offen. Beweis: Die Menge ∞⋃ n=0 Ωn ist offen nach Satz 1.12. Jetzt sei Ω eine zusam- menha¨ngende Komponente von ∞⋃ n=0 Ωn. Wegen O+(c) ∩ Jc = ∅ fu¨r c ∈ Ω ist (Rc)c∈Ω eine hyperbolische einparametrige Familie. Nach dem λ-Lemma von Man˜e´, Sad und Sullivan (Lemma 2.28, vergleiche Satz B in [MSS] oder [McM1], Seite 54) folgt, dass je zwei Funktionen Rc dieser Familie (Rc)c∈Ω auf ihren Juliamengen quasikonform konjugiert zueinander sind. Aus obiger Betrachtung der Ωn sehen wir nun, dass Ω nicht zwei Werte c1 und c2 ent- halten kann, die zu verschiedenen Mengen Ωn geho¨ren. Dies zeigt, dass alle Mengen Ωn, n ∈ N0, offen sind. 2 Bemerkung 3.10 Die Argumentation liefert auch, dass Ω(0)0 , Ω (1) 0 , Ω (0) 1 und Ω(1)1 offen sind, da Rc und Rc˜ nicht quasikonform konjugiert zueinander sind, falls c ∈ Ω(0)0 und c˜ ∈ Ω(1)0 bzw. falls c ∈ Ω(0)1 und c˜ ∈ Ω(1)1 . 3.2 Parametrisierung der Fluchtkomponenten Das Ziel dieses Abschnittes ist es zu zeigen, dass alle Fluchtkomponenten ein- fach zusammenha¨ngend sind. Ferner wollen wir zeigen, dass jede Fluchtkom- ponente der Ordnung n genau eine Polstelle von Qn entha¨lt (ihr ”Zentrum“).Dadurch la¨ßt sich dann die Anzahl der Fluchtkomponenten der Ordnung n angeben. Als erste Beobachtung erhalten wir das folgende Die Fluchtkomponenten 34 Lemma 3.11 Es sei n ∈ N. a) Ist c eine Nullstelle oder eine Einsstelle von Qn−1, so gilt c ∈ Ω(0)0 ∪Ωn. b) Ist Ω eine Fluchtkomponente der Ordnung n ≥ 1, so hat Qn−1 minde- stens eine Nullstelle oder eine Einsstelle in Ω. c) Ist Ω eine beschra¨nkte Komponente von Ω0, so gibt es ein k ∈ N, so dass Qk mindestens eine Nullstelle oder eine Einsstelle in Ω hat. Beweis: zu a): Es sei c eine Null- oder Einsstelle von Qn−1. Nach Lem- ma 1.3 sind entweder U0(c), U1(c) und U∞(c) paarweise verschieden oder es ist U0(c) = U1(c) = U∞(c). Im ersten Fall folgt, dass Qk(c) 6∈ U∞ fu¨r alle k ≤ n− 1, aber Qn(c) ∈ U∞. Also gilt c ∈ Ωn. Im zweiten Fall gilt sicherlich c ∈ Ω(0)0 . zu b): Fu¨r alle c ∈ ∂Ω, c 6= 0, und alle m ∈ N gilt |Qm(c)| ≤ 6+ 27 4|c| . Dies lie- fert aber fu¨r alle c ∈ ∂Ω und allem ∈ N die Ungleichung |cQm(c)| ≤ 6|c|+ 27 4 . Nach Lemma 1.10 gilt {c : |c| ≥ 6} ⊆ Ω0 und somit folgt fu¨r alle c ∈ ∂Ω und alle m ∈ N die Ungleichung |c Qm(c)| ≤ 36 + 27 4 ≤ 43. Wenn nun kein Qm eine Polstelle in Ω hat, so folgt nach dem Maximumprin- zip |cQm(c)| ≤ 43 fu¨r alle c ∈ Ω und alle m ∈ N. Dies liefert aber Ω ⊆ Ω∞ und somit einen Widerspruch. Also gibt es ein minimales m ∈ N, so dass Qm eine Polstelle c0 in Ω hat. Aus a) erhalten wir, dass m = n gelten muss. zu c): Die gleichen U¨berlegungen wie in b) lassen sich auch hier anwenden. 2 Satz 3.12 Die Menge Ω0 besteht nur aus der unbeschra¨nkten Komponente, ist also insbesondere zusammenha¨ngend. Ferner ist Ω(1)0 = ∅ und Ω0 entha¨lt keine Null- oder Einsstelle von Qn−1, n ≥ 1. Beweis: Es sei zuna¨chst c ∈ Ω0 fest. Dann ist c ∈ U∞(c) = U∞, U∞ ist vollsta¨ndig invariant und unendlichfach zusammenha¨ngend (vergleiche Satz 3.3). Wir wa¨hlen eine Kreisscheibe D0 ⊆ U∞ um ∞ mit Rc(D0) ⊆ D0, also zum Beispiel D0 = { z : |z| ≥ 6 + 274|c| } . Nun scho¨pfen wir U∞ aus. Dazu sei rekursiv Dn+1 als die Komponente von R−1c (Dn), die D0 entha¨lt, definiert. Dann ist U∞ = ⋃ n≥0 Dn und Rc : Dn+1 → Dn eine eigentliche Abbildung. Wir nehmen nun an, c wa¨re eine Nullstelle von einem Qn−1, n ≥ 2. Dann ergibt sich der folgende kritische Orbit: Die Fluchtkomponenten 35 ∞ 1 0 1 + i √ 3 2 1− i √ 3 2 −1 c 2 1 2 . . . Entsprechend sieht der kritische Orbit aus, wenn c eine Einsstelle von einem Qn−1, n ≥ 1, wa¨re. Insbesondere gibt es ein m ∈ N mit 0 ∈ Dm+1 oder 1 ∈ Dm+1, so dass Dm keine endlichen kritischen Punkte entha¨lt. Die Riemann- Hurwitz-Formel liefert dann ♯Dm+1 − 2 = k(♯Dm − 2)r bzw. ♯Dm+1 = 2 + r − k, wobei Rc : Dm+1 → Dm eigentlich vom Grad k sei und r die Anzahl der kritischen Punkte von Rc in Dm+1 bezeichne. Da Dm+1 zwei oder drei der kritischen Punkte 0, 1 und ∞ entha¨lt, ist entweder r = 2 und k = 4 oder aber r = 3 und k = 6. Im ersten Fall wa¨re ♯Dm+1 = 0, im zweiten Fall ♯Dm+1 = −1, also ergibt sich in jedem Fall ein Widerspruch. Da also Ω0 keine Nullstelle von Qn−1, n ≥ 2, entha¨lt, hat Ω0 nach Lemma 3.11 c) keine beschra¨nkte Komponente. Nach Lemma 3.4 gibt es ein r0 > 0 mit {c ∈ C∗ : |c| ≥ r0} ⊆ Ω(0)0 . Damit ist also Ω(1)0 = ∅ und die Menge Ω0 = Ω(0)0 ist zusammenha¨ngend. 2 Bemerkung 3.13 Aus diesem Satz und dem vorhergehenden Lemma folgt, dass fu¨r n ∈ N einerseits jede Null- oder Einsstelle von Qn−1 in einer Flucht- komponente der Ordnung n liegt, und andererseits jede Fluchtkomponente der Ordnung n mindestens eine Null- oder Einsstelle von Qn−1 entha¨lt. Im Folgenden zeigen wir unter anderem, dass jede Fluchtkomponente der Ord- nung n genau eine Null- oder Einsstelle von Qn−1 entha¨lt. Diese nennen wir dann das Zentrum der Komponente. Die Fluchtkomponenten 36 Satz 3.14 Es ist Ω(0)1 = ∅ Beweis: Aus Lemma 3.11 folgt, dass Ω1 ho¨chstens eine Zusammenhangs- komponente besitzen kann und diese entha¨lt dann den Parameter c = 1. Offensichtlich gilt (vergleiche die Definition auf Seite 29) 1 6∈ Ω(0)1 . Dies lie- fert also Ω(0)1 = ∅ und Ω1 = Ω(1)1 . 2 Nun treffen wir zuna¨chst weitere Vorbereitungen fu¨r die Parametrisierung der Fluchtkomponnten der Ordnung n ≥ 1: Bemerkung 3.15 Fu¨r c ∈ Ωn, n ≥ 1, haben wir bereits gezeigt, dass U∞(c) einfach zusammenha¨ngend ist und neben ∞ keine weiteren kritischen Punkte von Rc entha¨lt. Rc hat um ∞ eine Entwicklung der Form Rc(z) = 427cz2+ . . .. Nach [St1], Seite 60ff, hat die Bo¨ttcher-Funktionalgleichung ϕc (Rc(z)) = 4 27c · (ϕc(z)) 2 mit der Normierung ϕc(z) = z + . . . um ∞ eine eindeutige Lo¨sung und es ist ϕc : U∞(c) → { w : |w| > 274 |c| } eine konforme Abbildung. Definition 3.16 Es sei n ∈ N. Die Abbildung Ψn : Ωn → Cˆ \ D Ψn(c) := 4 27c · ϕc(Qn(c)) heißt Parametrisierungsabbildung von Ωn. Nach obiger Bemerkung ist Ψn wohldefiniert. Als na¨chstes wollen wir zeigen, dass Ψn jede Fluchtkomponente der Ordnung n ≥ 1 eigentlich auf Ĉ \ D abbildet. Lemma 3.17 Es sei n ∈ N. Dann ist die Parametrisierungsabbildung Ψn lokal konform in Ωn \ {Polstellen von Qn}. Die Fluchtkomponenten 37 −1 c U 2 · · · · · · gc gc gc gnc 1 2 gc gc gc gc gc gc U∞ gc Abbildung 3.3: Die Definition des Beltramikoeffizienten Beweis: (a) Es sei zuna¨chst c∗ ∈ Ωn fest gewa¨hlt und keine Polstelle von Qn . Zur Vereinfachung der Darstellung sei im Folgenden R := Rc∗ und U das Fatougebiet von R, das c∗ entha¨lt. Weiter sei ε > 0 so gewa¨hlt, dass die Kreisscheibe {z : |z − c∗| ≤ 3 ε} in U enthalten ist und keine Polstelle von Qn entha¨lt. Es sei (ηc) eine Familie von Diffeomorphismen ηc : Ĉ → Ĉ, die fu¨r |c−c∗| < ε analytisch von c abha¨ngen, mit ηc(z) = { z fu¨r |z − c∗| > 3ε z − c∗ + c fu¨r |z − c∗| < ε . Zur Konstruktion solcher Diffeomorphismen vergleiche man zum Beispiel die Arbeit [Roe] von Pascale Roesch. Wir definieren nun die Abbildung gc : Ĉ → Ĉ durch gc := ηc ◦ R. Dann ist gc eine quasiregula¨re Abbildung und es ist gkc (U) ∩ U = ∅ fu¨r alle k ∈ N. Weiter ist auch gc symmetrisch unter Σ, das heißt gc ◦ σ = gc fu¨r alle σ ∈ Σ. In Ĉ \R−1(U) ist gc = R, also insbesondere analytisch. (b) Wir definieren nun einen Beltramikoeffizienten µc, der invariant un- Die Fluchtkomponenten 38 ter gc ist in dem Sinne, dass µc(z) = g∗cµc(z) fu¨r alle z ∈ C (g∗cµc be- zeichne das Pullback von µc unter gc, vergleiche Seite 21). Dies geschieht in mehreren Schritten. Dazu setzen wir zuna¨chst µc(z) := 0 fu¨r alle z ∈ C \ ∞⋃ j=0 R−j(U∞(c∗)) =: C \ A∞ (der weiße Bereich in der Abbildung 3.2). Man beachte, dass A∞ und C\A∞ vollsta¨ndig invariant unter gc sind. Somit gilt sicherlich µc(z) = g∗cµc(z) fu¨r z ∈ C \ A∞. Wir setzen nun auch µc(z) = 0 fu¨r z ∈ U∞(c∗) und definieren sukzessive µc(z) := g∗cµc(z) = µgc(z) + µc(gc(z)) · (gc)z(z)(gc)z(z) 1 + µgc(z) · µc(gc(z)) · (gc)z(z)(gc)z(z) Da gkc (U) ∩ U = ∅ fu¨r alle k ≥ 1, ist µc in Ĉ wohldefiniert. Zum besseren Versta¨ndnis seien die folgenden Eigenschaften bemerkt: Da gc in Ĉ \R−1(U) analytisch ist, gilt fu¨r alle z ∈ Ĉ \R−1(U): µc(z) = µc(gc(z)) · (gc)z(z) (gc)z(z) Insbesondere ist µc(z) = 0 fu¨r z ∈ U∞(c∗), . . . , R(U), U , also den in der Abbildung gelb markierten Gebieten. Dagegen ist fu¨r z ∈ R−1(U), den in der Abbildung 3.2 rot markierten Gebieten, gerade µc(z) = g∗cµc(z) = µgc(z) = µηc◦R(z) = µR(z) + (µηc ◦R)(z) · R ′(z) R′(z) 1 + µR(z) · (µηc ◦R)(z) · R ′(z) R′(z) Dabei nutzen wir aus, dass µc(gc(z)) = 0 fu¨r z ∈ R−1(U) sowie die Ketten- regel. Da µR = 0, erhalten wir µc(z) = µηc(R(z)) · R′(z) R′(z) fu¨r z ∈ R−1(U), oder anders ausgedru¨ckt µc(z) = R∗µηc(z). (c) Wir wollen nun zeigen, dass µc ”symmetrisch“ ist. Es ist offensichtlich µc(z) = µc(1− z) = µc(1/z) · ( z z )2 = 0 fu¨r alle z ∈ C \ A∞, da A∞ invariant ist unter Σ. Fu¨r z ∈ A∞ gilt, da gc(z) = gc(1− z), nach Lemma 2.19 (siehe Seite 22): µc(1− z) = g∗cµc(1− z) = µgc(1− z) + µc(gc(1− z)) · (gc)z(1−z)(gc)z(1−z) 1 + µgc(1− z) · µc(gc(1− z)) · (gc)z(1−z)(gc)z(1−z) Die Fluchtkomponenten 39 = µgc(z) + µc(gc(z)) · (gc)z(z)(gc)z(z) 1 + µgc(z) · µc(gc(z)) · (gc)z(z)(gc)z(z) = µc(z) und analog unter Verwendung von gc(1/z) = gc(z) mit Lemma 2.20: µc(1/z) = µc(z) · (z z )2 (d) Nach dem Satz von Ahlfors-Bers (Satz 2.13) hat die Beltramigleichung (hc)z = µc(z)(hc)z eine eindeutige quasikonforme Lo¨sung hc mit der Normie- rung hc(0) = 0, hc(1) = 1 und hc(∞) = ∞. Nach Lemma 2.21 und 2.22 ist hc(z) = hc(1 − z) = 1 hc(1/z) fu¨r alle z ∈ C. Wir definieren nun die Abbil- dung Gc = hc ◦ gc ◦ h−1c und wollen zeigen, dass Gc in Ĉ analytisch ist, also eine rationale Funktion. Dazu zeigen wir, dass µGc = 0 fast u¨berall in Ĉ. Da hc eine quasikonforme Abbildung ist, ist dazu a¨quivalent: µGc ◦ hc = 0 fast u¨berall in Ĉ. Es ist µGc ◦ hc(z) = µGc◦hc(z)− µc(z) 1− µc(z)µGc◦hc(z) · (hc)z(z) (hc)z(z) = µhc◦gc(z)− µc(z) 1− µc(z)µhc◦gc(z) · (hc)z(z) (hc)z(z) . Nach der Kettenregel ist µhc◦gc(z) = (g∗cµc)(z), also ist nach Konstruktion µhc◦gc(z) = µc(z). Dies liefert also (µGc ◦ hc)(z) = 0 fast u¨berall in C. (e) Als na¨chstes wollen wir zeigen, dass Gc = Rτ(c), also die Funktion Gc wieder zu unserer Ausgangsfamilie geho¨rt. Dazu sei zuna¨chst bemerkt, dass nach Konstruktion offensichtlich 0, 1 und ∞ doppelte Polstellen von Gc sind und dieses sind die einzigen Polstellen von Gc. Insbesondere ist Gc eine ra- tionale Funktion vom Grad 6. Wir nutzen nun intensiv die Symmetrien aus: Aus hc(1/z) = 1/hc(z) folgt direkt hc(−1)2 = 1 und somit (da ja hc(1) = 1 als Normierung festgelegt wurde) hc(−1) = −1. Durch entsprechende U¨berlegungen erhalten wir auch, dass hc(2) = 2 und hc(12) = 12 . Insbesondere folgt, dass −1, 2 und 12 kritische Punkte von Gc sind. Wir setzen nun ω+ := hc(z+) und ω− := hc(z−). Aus Gc = hc ◦ ηc ◦ R ◦ h−1c folgt, dass ω+ und ω− jeweils dreifache Nullstellen von Gc sind. Somit hat Gc die Form Gc(z) = γc (z − ω+)3(z − ω−)3 z2(z − 1)2 , Die Fluchtkomponenten 40 Wegen der Symmetrie gilt weiterhin Gc(−1) = Gc(2) = Gc (1 2 ) =: γ˜c und −1, 2 und 12 sind doppelte γ˜c-Stellen von Gc. Berechnung von G′c(z) und ein- setzen von G′c(−1) = 0 ergibt (unter Beru¨cksichtigung von ω+, ω− 6= −1): 2 + ω+ + ω− = (1 + ω+)(1 + ω−), also ω+ω− = 1. Andererseits erhal- ten wir aus G′c (1 2 ) = 0, dass ω+ + ω− = 1. Insgesamt erhalten wir also {ω+, ω−} = {z+, z−} und es gilt Gc = Rτ(c) fu¨r ein geeignetes τ(c). (f) Als na¨chsten Schritt wollen wir zeigen, dass τ analytisch von c abha¨ngt. Zuna¨chst gilt: τ(c) = Rτ(c)(2) = Rτ(c)(hc(2)) = Gc(hc(2)) = hc(gc(2)) = hc(ηc(R(2))) = hc(ηc(c∗)) = hc(c) hc hat um z = ∞ eine Entwicklung hc(z) = σcz+O(1), wobei σc fu¨r |c−c∗| < ε analytisch von c abha¨ngt. (Man beachte, dass auch der ”O-Term“ von cabha¨ngt.) Aus Rτ(c) ◦ hc = Gc ◦ hc = hc ◦ gc = hc ◦R um z = ∞ folgt τ(c) (σcz +O(1))2 = σc ( c∗z2 +O(z) ) +O(1) fu¨r z →∞. Mit Koeffizientenvergleich erhalten wir dann, dass τ(c) = c∗σc . Insbesondere ha¨ngt τ(c) fu¨r |c− c∗| < ε analytisch von c ab. (g) Es sei nun ϕc die Lo¨sung der Bo¨ttcher-Funktionalgleichung zum Parame- ter c, vergleiche Seite 36, und ϕ∗ := ϕc∗. Wir zeigen, dass in einer Umgebung von ∞ die Identita¨t ϕτ(c) = σcϕ∗ ◦h−1c gilt. Dazu setzen wir Φ := σcϕ∗ ◦ h−1c . Dann hat Φ um z = ∞ eine Entwicklung der Form Φ(z) = z + . . . . Weiter gilt in einer geeigneten Umgebung von ∞: Φ ◦Rτ(c)(z) = Φ ◦Gc(z) = σcϕ∗ ◦ h−1c ◦Gc(z) = σcϕ∗ ◦ gc ◦ h−1c (z) = σcϕ∗ ◦R ◦ h−1c (z) = σc 4 27c∗ ( ϕ∗ ( h−1c (z) ))2 = 427 c∗ σc ( σcϕ∗ ◦ h−1c (z) )2 = 427τ(c) Φ 2(z) Φ ist also die Lo¨sung der Bo¨ttcher-Funktionalgleichung zum Parameter τ(c). Die Eindeutigkeit der Lo¨sung liefert unsere Behauptung. Damit erhalten wir fu¨r |c− c∗| < ε: Ψn(τ(c)) = 4 27τ(c)ϕτ(c) (Qn (τ(c))) = 4 27c∗ϕ∗ ( h−1c ( Rnτ(c)(τ(c)) )) = 427c∗ϕ∗ ( h−1c ( Rnτ(c)(hc(c)) )) = 427c∗ϕ∗ (g n c (c)) = 427c∗ϕ∗ (R n(c)) Die Fluchtkomponenten 41 Da c∗ keine Polstelle von Qn ist, hat Rn(c) fu¨r |c− c∗| hinreichend klein nach Konstruktion keine kritischen Punkte. Also ist Ψn lokal konform in c∗. 2 Lemma 3.18 Ist Ω eine Fluchtkomponente der Ordnung n ∈ N, so ist die Parametrisierungsabbildung Ψn : Ω → Ĉ \ D eine eigentliche Abbildung. Beweis: Wir betrachten zuna¨chst R˜c(z) := cRc ( z c ) . Weiter sei U˜∞(c) das Attraktionsgebiet von ∞ fu¨r R˜c, also U˜∞(c) = c U∞(c). Insbesondere ist D˜0 := {z : |z| ≥ 43} ⊆ { z : |z| ≥ 6|c|+ 274 } ⊆ U˜∞(c) und R˜c ( D˜0 ) ⊆ D˜0 fu¨r alle c ∈ C∗\Ω0. Wir bilden nun wieder eine Ausscho¨pfung von U˜∞(c). Dazu sei D˜q+1(c) die zusammenha¨ngende Komponente von R˜−1c (D˜q), die D0 entha¨lt. Es sei nun Ω eine Fluchtkomponente der Ordnung n ∈ N. Fu¨r c ∈ Ω sei k(c) die kleinste ganze Zahl k mit Q˜n(c) := R˜nc (c2) ∈ D˜k(c). Das heißt insbeson- dere Q˜n+k(c) ∈ D˜0, aber Q˜n+k−1(c) 6∈ D˜0. Weiter ist Q˜n(c) = R˜nc (c2) = cRnc (c) = cQn(c). Behauptung: Ist c0 ∈ ∂Ω und (cj) eine Folge in Ω mit cj j→∞−→ c0, so folgt k(cj) j→∞→ ∞. Beweis: Wir nehmen an, es gelte nicht k(cj) j→∞−→ ∞. Dann ko¨nnen wir, ggf. durch U¨bergang zu einer Teilfolge von (cj), die wir wieder mit (cj) bezeichnen, annehmen, die Folge k(cj) wa¨re konstant. Dann gibt es ein festes k ∈ N mit Q˜n+k(cj) = R˜n+kcj (c2j) ∈ D˜0 fu¨r alle j ∈ N. 1. Fall: c0 6= 0 Dann folgt hieraus Q˜n+k(c0) ∈ D˜0 ⊆ U˜∞(c0), also ein Widerspruch zu c0 ∈ Ω∞. 2.Fall: c0 = 0 Dann folgt mit Lemma 1.6: 43 ≤ |Q˜n+k(cj)| = |cjQn+k(cj)| = ∣∣∣∣∣ ( 4 27 )2n+k−1 pn+k(cj) qn+k(cj) ∣∣∣∣∣ j→∞−→ ( 4 27 )2n+k−1 und es ergibt sich auch ein Widerspruch. Damit ist die Behauptung bewiesen. Es sei nun D0(c) = 1c D˜0. Dann ist D0(c) ⊆ U∞(c) fu¨r alle c ∈ Ω und es ist Qk(c) ∈ D0(c) genau dann, wenn Q˜k(c) ∈ D˜0. Die Fluchtkomponenten 42 Nun zeigen wir, dass Ψn : Ω → Ĉ \ D eine eigentliche Abbildung ist. Dazu sei c0 ∈ ∂Ω ⊆ Ω∞. Wir setzen M := sup {|ϕc(z)| : z ∈ D0(c) \Rc(D0(c)), |c− c0| < δ} <∞, wobei δ klein genug zu wa¨hlen ist. Es gilt also Ψn(c) = 4 27c · ϕc(R n c (c)) = 4 27c · 2k(c) √√√√√ ϕc ( Rk(c)c (Rnc (c)) ) ( 4 27c )1+...+2k(c)−1 = 427c · 2k(c) √√√√ϕc ( Qn+k(c)(c) ) ( 4 27c )2k(c)−1 = 2k(c) √ 4 27c · 2k(c) √ ϕc ( Qn+k(c)(c) ) Da fu¨r c ∈ Ω, |c− c0| < δ gilt, dass Qn+k(c)(c) ∈ D0 \ Rc(D0), folgt hieraus |Ψn(c)| ≤ 2 k(c) √ 4 27 |c| · 2k(c)√M → 1 fu¨r c → c0, c ∈ Ω. Damit ist das Lemma bewiesen. 2 Satz 3.19 Jede Fluchtkomponente Ω der Ordnung n ∈ N, n ≥ 1, ist ein- fach zusammenha¨ngend, entha¨lt genau eine Polstelle von Qn (ihr sogenann- tes Zentrum) und es ist Ψn : Ω → Ĉ\D eine eigentliche Abbildung vom Grad 2 oder 6. Beweis: Es sei Ω eine Fluchtkomponente der Ordnung n ∈ N. Nach Lemma 3.18 ist Ψn : Ω → Ĉ \ D eine eigentliche Abbildung. Nach Lemma 3.11 entha¨lt Ω mindestens eine Polstelle von Qn. Jede Polstelle von Qn ist eine Nullstelle oder eine 1-Stelle von Qn−1. Es sei nun s die Anzahl der paarweise verschiedenen Nullstellen von Qn−1 mit Vielfachheiten µ1, . . . , µs in Ω und s˜ die Anzahl der paarweise verschiedenen 1-Stellen vonQn−1 mit Vielfachheiten µ˜1, . . . , µ˜s˜ in Ω. Die Polstellen von Qn sind gerade die Null- und Einsstellen von Qn−1, wobei erstere sechsfache und letztere doppelte Polstellen von Qn sind. Wir erhalten fu¨r den Grad der eigentlichen Abbildung Ψn : Ω → Ĉ \D degΨn = s∑ j=1 6µj + s˜∑ j=1 2µ˜j , da alle Nullstellen von Qn−1 sechsfache Polstellen und alle 1-Stellen von Qn−1 doppelte Polstellen von Qn sind. (Man beachte: Im Vorwa¨rtsorbit jeder Null- stelle von Qn−1 ist einer der beiden kritischen Punkte z+ bzw. z− enthalten.) Es sei r die Anzahl der kritischen Punkte von Ψn in Ω, die keine Polstellen Die Fluchtkomponenten 43 sind, entsprechend ihrer Vielfachheiten geza¨hlt. Dann gilt nach der Formel von Riemann-Hurwitz ♯Ω− 2 = degΨn (♯(Ĉ \ D)− 2) + degΨn − s− s˜ + r, also ♯Ω = 2 + r − s − s˜. Nach Lemma 3.17 gilt aber r = 0 und somit ♯Ω = 2− s− s˜. Ω ist also einfach zusammenha¨ngend und entha¨lt genau eine Polstelle von Qn. 2 Wir erhalten schließlich Folgerung 3.20 Es gibt genau 43 · 6 n−1 Fluchtkomponenten der Ordnung n ≥ 2. Beweis: Die Anzahl der Fluchtkomponenten der Ordnung n, n ≥ 2, ent- spricht also der Anzahl der verschiedenen Nullstellen und Einsstellen von Qn−1. Nach Lemma 1.6 hat Qn−1 gerade je 6n−1 Nullstellen und Einsstellen, entsprechend ihrer Vielfachheit geza¨hlt. Die Nullstellen sind jedoch alle drei- fach. Damit ist die Anzahl der Fluchtkomponenten der Ordnung n ≥ 2, die wir hier mit ωn bezeichnen, gegeben durch ωn = deg Qn−1 3 + deg Qn−1 = 4 3 · 6 n−1. 2 Wir wollen nun auch noch eine Parametrisierung der Cantorkomponente Ω0 geben. Dies verla¨uft a¨hnlich wie bei den anderen Fluchtkomponenten Ωn mit n ≥ 1. Bemerkung 3.21 Fu¨r c ∈ Ω0 ist U∞(c) unendlichfach zusammenha¨ngend und Rc hat um ∞ eine Entwicklung Rc(z) = 427cz2 + . . .. Nach [St1], Seite 60ff, hat die Bo¨ttcher-Funktionalgleichung ϕc (Rc(z)) = 4 27c · (ϕc(z)) 2 ϕc(z) = z + . . . um ∞ also zumindest lokal um ∞ eine eindeutige Lo¨sung. Mittels Ausscho¨pfung (a¨hnlich wie im Beweis von Satz 3.12) erhalten wir, dass sich die Bo¨ttcher- funktion in ein einfach zusammenha¨ngendes Gebiet, das ∞ und c entha¨lt, fortsetzen la¨ßt. Dies rechtfertigt die folgende Definition: Die Fluchtkomponenten 44 Abbildung 3.4: Die Zentren der Fluchtkomponenten Definition 3.22 Die Abbildung Ψ0 : Ω0 ∪ {∞} → Cˆ \ D Ψ0(c) := 4 27c · ϕc(c) heißt Parametrisierungsabbildung von Ω0. Lemma 3.23 Die Abbildung Ψ0 ist lokal konform in Ω0. Beweis: Der Beweis verla¨uft im Prinzip analog zum Beweis von Lemma 3.17. Dabei ist zu beachten, dass Ω0 nach Satz 3.12 keine Polstellen von einem Qn entha¨lt. Ferner ist ε hinreichend klein zu wa¨hlen, so dass mit K := {z : |z− c∗| ≤ 4ε} die Bedingung gkc (K)∩K = ∅ fu¨r alle k ∈ N erfu¨llt ist. 2 Lemma 3.24 Die Parametrisierungsabbildung Ψ0 : Ω0 ∪ {∞} → Ĉ \ D ist eine eigentliche Abbildung. Die Fluchtkomponenten 45 Beweis: Ist c0 ∈ ∂Ω0 \ {∞}, so gilt nach Lemma 1.10 sicherlich |c0| ≤ 6 und somit la¨ßt sich der Beweis von Lemma 3.18 sinngema¨ß u¨bertragen und wir erhalten |Ψ0| → 1 fu¨r c→ ∂Ω0 \ {∞} Dies liefert dann die Behauptung. 2 Damit folgt schließlich: Satz 3.25 Die Cantorkomponente Ω0 ist zusammenha¨ngend, Ω0 ∪ {∞} ist einfach zusammenha¨ngend und es ist Ψ0 : Ω0 ∪ {∞} → Cˆ \ D eine eigentliche Abbildung vom Grad 2. Folgerung 3.26 Nach dem Monodromiesatz la¨ßt sich jeder Zweig von (Ψ0) 1 2 zu einer konformen Abbildung von Ω0 ∪ {∞} auf Cˆ \ D fortsetzen. 3.3 Kernkonvergenz Definition 3.27 Es sei (Dn) eine Folge von Gebieten, die den Basispunkt z0 enthalten. Dann ist der Kern K der Folge (Dn) bezu¨glich z0 definiert als die Vereinigung aller einfach zusammenha¨ngenden Gebiete D, die z0 enthalten und fu¨r die D ⊆ Dn fu¨r fast alle n ∈ N. Falls kein solches Gebiet existiert, so setzen wir K := {z0}. Definition 3.28 Die Folge (Dn) konvergiert gegen K im Sinne Carathe´odorys, falls K auch der Kern jeder Teilfolge (Dnk) ist. Bemerkung 3.29 Es seien alle Dn einfach zusammenha¨ngend und es sei fn : D → Dn die konforme Abbildung mit fn(0) = z0 und f ′n(0) > 0. Weiter sei auch K ein einfach zusammenha¨ngendes Gebiet und f : D → K definiert als die konforme Abbildung mit f(0) = z0 und f ′(0) > 0. Dann konvergiert (Dn) gegen K im Sinne Carathe´odorys genau dann, wenn (fn) lokal gleichma¨ßig gegen f konvergiert. Beispiel 3.30 Die folgenden Beispiele sollen zur Veranschaulichung des Be- griffes dienen: a) Es sei Dn = { z : |z| > 1− 1n } . Dann konvergiert die Folge (Dn) gegen ihren Kern K = Ĉ \ D bezu¨glich ∞. Die Fluchtkomponenten 46 b) Es sei D2n = { z : |z| > 1− 1n } und D2n+1 = { z : |z − 17| > 1− 1n } . Dann ist der Kern K der Folge (Dn) bezu¨glich ∞ gegeben durch K = {z : |z| > 1, |z − 17| > 1}, aber es ist K0 = Ĉ \ D der Kern der Teil- folge (D2n). Somit konvergiert die Folge (Dn) nicht gegen ihren Kern. c) Es sei Dn = C \ { eiθ : 0 ≤ θ ≤ 2π − 1n } . Dann konvergiert die Folge (Dn) gegen ihren Kern K = D bezu¨glich 0. Wir wollen nun das Konzept der Kernkonvergenz auf die Parameterebene der zu untersuchenden Familie, insbesondere auf Ω0, anwenden. Jede Abbildung Qn, n ∈ N, hat um ∞ eine Entwicklung Qn(c) = ( 4 27 )2n−1 c2n+1−1 + · · · = ( 4 27 )αn cαn+1 + . . . Qn hat also in ∞ einen superattraktiven Fixpunkt mit Bo¨ttchergebiet Un. Es sei θn die zugeho¨rige Bo¨ttcherfunktion. Diese ist zumindest in einer Um- gebung von ∞ definiert und genu¨gt dort der Gleichung θn (Qn(c)) = ( 4 27 )αn (θn(c))αn+1 mit der Normierung θn(c) = c+ . . . um ∞. Mit einer Rechnung wie im Beweis von Lemma 1.4 und Induktion folgt fu¨r |c| ≥ 6, dass auch fu¨r alle n ∈ N gilt: |Qn(c)| ≥ 6. Folglich ist {c : |c| > 6} ⊆ Un fu¨r alle n ∈ N. Insbesondere ist der Kern K der Folge (Un) ein Gebiet um ∞. Satz 3.31 Die Folge ( 2 3 √ 3 θn ) konvergiert in Ω0 ∪ {∞} lokal gleichma¨ßig gegen (Ψ0) 1 2 . Die Folge (Un) konvergiert im Sinne Carathe´odorys gegen ihren Kern K = Ω0 ∪ {∞} bezu¨glich ∞. Beweis: Der Beweis folgt den Ideen von Busse [Bus]. Es sei K der Kern der Folge (Un) bezu¨glich ∞. Es sei c ∈ Ω0. Dann gilt limk→∞Qk(c) = limk→∞R k c (c) = ∞. Somit gilt natu¨rlich fu¨r n ∈ N auch lim k→∞ Qnk(c) = limk→∞R nk c (c) = ∞, also ist c im Außengebiet Un oder einem Urbild enthalten. Da {c : |c| > 6} ⊆ Un, muß Ω0 ∪ {∞} ⊆ Un gelten. Folglich ist Ω0 ∪ {∞} ⊆ K. Es sei nun D ein einfach zusammenha¨ngendes Gebiet mit D ⊆ Ω0∪{∞} und ∞ ∈ D. Da Qn in Ω0 weder Null- noch Polstellen hat, ist fu¨r hinreichend Die Fluchtkomponenten 47 großes n die Bo¨ttcherfunktion θn in D definiert. Sie erfu¨llt θn(c) = limk→∞ α k n+1 √√√√ Q k n(c) ( 4 27 )1+αn+1+···+αk−1n+1 = c+ . . . zumindest in {c : |c| > 6} (vergleiche [St1], Seite 60). Wir definieren nun die Hilfsfunktion hn(c) := 2n+1 √ cQn(c). Es ist Ψ0(c) = 4 27c ϕc(c) = 4 27c limk→∞ 2k √ Rkc (c)( 4 27c )1+···+2k−1 = 427c limk→∞ 2k √ Qk(c) ( 4 27c )2k−1 = limk→∞ 2k √ 4 27cQk(c) = limk→∞ (hk(c)) 2 in Ω0. Also folgt hk → (Ψ0) 1 2 gleichma¨ßig in D. Da Qn(c) → ∞ (n → ∞) folgt: ( 4 27 )αn (θn(c))αn+1 = θn(Qn(c)) = Qn(c) +O(1) Ferner ist (hn(c))αn+1 = (cQn(c)) 2n+1−1 2n+1 = (cQn(c))1− 1 2n+1 = cQn(c)hn(c) , also Qn(c) = hn(c)c (hn(c)) αn+1 . Zusammen ergibt sich ( 4 27 )αn (θn(c))αn+1 − (hn(c))αn+1 hn(c) c = O(1) gleichma¨ßig in D. Somit gilt ( 4 27 )αn/αn+1 θn(c)− hn(c) → 0 (n→∞) und bei richtiger Wahl der Wurzel ( 4 27 )αn/αn+1 = ( 4 27 ) 1− 12n 2− 12n → 2 3 √ 3 (n→∞). Damit erhalten wir: ( 2 3 √ 3 θn ) → (Ψ0) 1 2 (n→∞) Die Fluchtkomponenten 48 gleichma¨ßig in D. Dies liefert die lokal gleichma¨ßige Konvergenz in Ω0. Nun sei (Unν) eine Teilfolge von (Un) und K0 der Kern der Folge (Unν) bezu¨glich ∞. Es sei D ein einfach zusammenha¨ngendes Gebiet mit ∞ ∈ D und D ⊆ K0. Dann ist D ⊆ Unν fu¨r alle ν ≥ ν0 und es folgt, dass die Folge( Qknν ) k∈N fu¨r k → ∞ gleichma¨ßig in D gegen ∞ konvergiert. Damit ist θnν fu¨r hinreichend großes ν in D definiert. Wegen |θnν (c)| ≥ (( 4 27 )αnν) 11−αnν+1 → 3 √ 3 2 in D ist die Folge (θnν )ν≥ν0 normal in D. Es gelte nun θnνκ → θ lokal gleichma¨ßig in D. Dann gilt |θ(c)| > 3 √ 3 2 in D und θ(c) = 3 √ 3 2 (Ψ0(c)) 1 2 in D ∩ Ω0. Wir wissen bereits |Ψ0(c)| → 1 fu¨r c → ∂Ω0 \ {∞} (vergleiche Satz 3.25). Dies liefert D ∩ ∂Ω0 = {∞}, also D ⊆ Ω0 ∪ {∞}. Folglich ist K0 ⊆ Ω0 ∪ {∞}. Also folgt zusammen K0 ⊆ Ω0 ∪ {∞} ⊆ K und insbesondere konvergiert die Folge (Un) gegen ihren Kern K = Ω0 ∪ {∞}. 2 Die Fluchtkomponenten 49 Abbildung 3.5: Die dynamische Ebene von Q1, Q2 und Q7 sowie die Pa- rameterebene der Familie (Rc) Kapitel 4 Die hyperbolischen Komponenten 4.1 Die Dynamik in den hyperbolischen Kom- ponenten Die rationale Funktion Rc heißt hyperbolisch, wenn Jc ∩ C+c = ∅, wobei C+c := {Rnc (zc) : n ∈ N, zc kritischer Punkt von Rc} den Vorwa¨rtsorbit der kritischen Punkte bezeichnet. Offensichtlich ist fu¨r c ∈ Ωn, n ≥ 0, die Funk- tion Rc hyperbolisch. Fu¨r c ∈ Ω∞ ist Rc genau dann hyperbolisch, wenn Rc einen (super-)attraktiven Zykel in C hat. (Da Rc nur einen freien kritischen Wert hat, folgt dies analog zu Theorem 4.7 in [McM1], Seite 61.) Wir beginnen mit einer ersten Beobachtung: Lemma 4.1 Fu¨r c ∈ Ω∞ sind das Außengebiet U∞(c) und alle seine Urbilder einfach zusammenha¨ngend. Beweis: Nach Lemma 1.3 sind entweder U0, U1 und U∞ paarweise verschie- den oder es gilt U0 = U1 = U∞. Im ersten Fall entha¨lt U∞ als einzigen kriti- schen Punkt den Punkt ∞ selbst und ist daher einfach zusammenha¨ngend. Wie schon bei Ω1 erhalten wir nun mit Hilfe der Riemann-Hurwitz-Formel, dass alle Urbilder von U∞ einfach zusammenha¨ngend sind. Im zweiten Fall ist offensichtlich U∞ vollsta¨ndig invariant. Dann entha¨lt U∞ aber keinen anderen kritischen Punkt als ∞ und seine Urbilder 0, 1, z+ und z−. Durch eine Ausscho¨pfung wie im Beweis von Satz 3.12, vergleiche Seite 34, erhalten wir einen Widerspruch. 2 Nun zerlegen wir die Menge Ω◦∞ wie folgt: Die hyperbolischen Komponenten 51 Abbildung 4.1: Ein attraktiver Dreierzyklus, hier fu¨r c = −0, 64 + 0, 79i, Detailausschnitt um z = 0, 5 Definition 4.2 Fu¨r n ∈ N sei Hn die Menge der Parameter c ∈ Ω◦∞, fu¨r die Rc hyperbolisch ist und einen beschra¨nkten, (super-)attraktiven Zykel der exakten La¨nge n hat. Weiter sei X := {c ∈ Ω◦∞ : Rc ist nicht hyperbolisch}. Bemerkung 4.3 Nach dem λ-Lemma von Man˜e´, Sad und Sullivan (verglei- che [MSS] oder [McM1], Seite 54) sind die Mengen Hn, n ∈ N, alle offen. Ihre zusammenha¨ngenden Komponenten bezeichnen wir im Folgenden als hyperbolische Komponenten der Ordnung n, auch wenn die im vorherigen Kapitel behandelten Fluchtkomponenten selbstversta¨ndlich auch alle hyper- bolisch sind. Wie bei der Mandelbrotfamilie z2 + c ist zu vermuten, dass alle Komponenten von Ω◦∞ hyperbolisch sind, also X = ∅. Auf dieses noch offene Problem werden wir aber hier nicht weiter eingehen ko¨nnen. Wir nennen die Komponenten von X die ”exotischen Komponenten“. Die hyperbolischen Komponenten 52 Satz 4.4 (Dynamik in den hyperbolischen Komponenten) Es sei c ∈ Hn, n ∈ N, mit dem beschra¨nkten, (super-)attraktiven Zyklus {z0, . . . , zn−1} und zugeho¨rigen Fatoukomponenten {V0, . . . , Vn−1}. Dann sind die Gebiete V0, . . . , Vn−1 einfach zusammenha¨ngend und V0 ∪ . . . ∪ Vn−1 entha¨lt genau einen der drei freien kritischen Punkte −1, 2, 12 , wa¨hrend die anderen beiden in einem ”pra¨periodischen Urbildgebiet“ liegen. Es gilt fu¨r alle σ ∈ Σ undj 6= k: σ(Vj) 6= Vk. Alle stabilen Gebiete sind einfach zusammenha¨ngend und die Juliamenge Jc ist eine Kurve. Abbildung 4.2: Stabiles Gebiet um den kritischen Punkt z = 0, 5, hier fu¨r c = −0, 75 + 0, 72i Beweis: Der Gebietszyklus {V0, . . . , Vn−1} entha¨lt mindestens einen der drei freien kritischen Punkte −1, 2, 12 ; ohne Beschra¨nkung der Allgemeinheit liege dieser in V0. Da Rc neben 0 und ∞ nur den einen kritischen Wert c hat, entha¨lt der Zyklus außer in V0 keine kritischen Punkte von Rc. Die hyperbolischen Komponenten 53 Nach Theorem 2, Seite 61, in [St1] und Theorem 2, Seite 68, ebendort, ist V0 entweder einfach zusammenha¨ngend oder unendlichfach zusammenha¨ngend. Wir wa¨hlen nun eine kleine Kreisscheibe D0 ⊆ V0 um den Fixpunkt z0 von Rnc . Weiter sei fu¨r k ≥ 0 Dk+1 die zusammenha¨ngende Komponente von (Rnc )−1(Dk), dieDk entha¨lt. Dann bildet (Dk)k∈N0 eine regula¨re Ausscho¨pfung von V0, da Rnc (D0) ⊆ D0 (vergleiche [St1], Seite 63). Nehmen wir nun an, V0 wa¨re unendlichfach zusammenha¨ngend. Dann gibt es ein kleinstes m ∈ N , so dass D1, . . . , Dm einfach zusammenha¨ngend sind, aber Dm+1 mehrfach zusammenha¨ngend ist. Es ist dann Rnc : Dm+1 → Dm eine eigentliche Abblidung vom Grad k. Weiter sei r die Anzahl der kritischen Punkte von Rnc in Dm+1, wobei hierfu¨r nur −1, 2, 12 in Frage kommen. Dann liefert die Riemann-Hurwitz-Formel ♯Dm+1 = 2−k+r, also folgenden Zusammenhang: r 0 1 2 3 k 1 2 4 6 ♯Dm+1 1 1 0 -1 Wir erhalten somit in jedem Fall einen Widerspruch und V0 ist einfach zu- sammenha¨ngend. Weiter ist Rnc : V0 → V0 eine eigentliche Abbildung vom Grad k. Es sei nun r die Anzahl der kritischen Punkte Rnc in V0. Dann folgt mit der Riemann- Hurwitz-Formel, dass V0 genau einen der drei freien kritischen Punkte entha¨lt. Nehmen wir nun an, es gibt ein σ ∈ Σ, so dass σ(Vj) = Vk. Sei nun z ∈ Vj beliebig. Dann ist σ(z) ∈ Vk und Rc(z) ∈ Vj+1 (falls j 6= n − 1) und andererseits Rc(z) = Rc(σ(z)) ∈ Vk+1 (falls k 6= n − 1). Somit erhalten wir Vj+1 = Vk+1 und folglich Vj = Vk. (Entsprechendes gilt, falls j = n− 1 oder k = n− 1; man ersetze einfach Vj+1 bzw. Vk+1 durch V0.) Sei nun V eine Fatoukomponente, die einen der beiden anderen freien kri- tischen Punkte entha¨lt. Aus der Symmetrie (Satz 1.1) folgt, dass V dann genau einen kritischen Punkt entha¨lt. Somit ist Rc : V 2:1→ V1 eine eigentli- che Abbildung und es folgt wieder mit der Riemann-Hurwitz-Formel, dass V einfach zusammenha¨ngend ist (im Falle eines Fixgebietes (n = 1) betrachte Rc : V 2:1→ V0). Mit Hilfe der Riemann-Hurwitz-Formel folgt weiter, dass auch alle weiteren Urbilder von V0 einfach zusammenha¨ngend sind. Nach Lemma 4.1 sind nun alle Fatoukomponenten einfach zusammenha¨ngend, die Julia- menge Jc ist zusammenha¨ngend und da Rc hyperbolisch ist, ist sie sogar lokal zusammenha¨ngend. Damit folgt die letzte Aussage des Satzes. 2 Die hyperbolischen Komponenten 54 Abbildung 4.3: Ein Sechserzyklus, hier fu¨r c = 2, 25−1, 25i Abbildung 4.4: Detailausschnitt um z = 0, 5 Die hyperbolischen Komponenten 55 Abbildung 4.5: Ein Achterzyklus, hier fu¨r c = 1, 3 + 2i 4.2 Parametrisierung der hyperbolischen Kom- ponenten Es sei λ : Hn → D, die Multiplikatorabbildung, die jedem Parameter c ∈ Hn den Multiplikator des zugeho¨rigen beschra¨nkten Zyklus (vergleiche Satz 4.4) zuordnet. Das Ziel dieses Kapitels ist es nun, zu zeigen, dass die Multipli- katorabbildung λ jede hyperbolische Komponente konform auf den Einheits- kreis D abbildet. Wie bei der klassischen Mandelbrotfamilie z2 + c kann man zeigen, dass λ jede hyperbolische Komponente, die Null nicht als Randpunkt entha¨lt, eigentlich auf D abbildet. Man vergleiche hierzu den Beweis etwa in [St1], Seite 161f, oder in [CarGam], Seite 133f. Die hyperbolischen Komponenten 56 Abbildung 4.6: Die hyperbolischen Komponenten Bemerkung 4.5 (Legende) Die Farben der hyperbolischen Komponenten entsprechen der La¨nge des beschra¨nkten, (super-)attraktiven Zyklus fu¨r alle Parameter aus dieser Komponente: In den roten Komponenten liegen Fixge- biete, in den gru¨nen Komponenten Zweierzykel, in den dunkelblauen Kompo- nenten Dreierzykel, in den gelben Komponenten Viererzykel, in den violetten Komponenten Fu¨nferzykel und in den hellblauen Komponenten Sechserzykel vor. Bemerkung 4.6 Es sei H eine hyperbolische Komponente mit 0 6∈ ∂H. Dann entha¨lt H einen Fixpunkt von Qn. Beweis: Weil die Multiplikatorabbildung λ jede Komponente H von Hn eigentlich auf D abbildet, entha¨lt H einen Parameter c, so dass Rnc einen superattraktiven Fixpunkt zc hat. Es folgt (Rnc )′(zc) = 0 und dies liefert Die hyperbolischen Komponenten 57 Rkc (zc) ∈ { −1, 2, 12 } fu¨r ein k = 0, . . . , n − 1. Dann ist aber auch c = Rc(−1) = Rc(2) = Rc (1 2 ) ein Fixpunkt von Rnc , also gilt Qn(c) = c. 2 Satz 4.7 (Parametrisierung der hyperbolischen Komponenten) Es sei H eine hyperbolische Komponente der Ordnung n ∈ N mit 0 6∈ ∂H. Dann ist die Multiplikatorabbildung λ : H → D, die jedem Wert c ∈ H den Multiplikator des zugeho¨rigen periodischen Zyklus zuordnet, eine konforme Abbildung. Der Beweis dieses Satzes folgt den Ideen von Carleson, vergleiche [CarGam], Seite 134ff und [St7]. Beweis: (a) Es sei c ∈ H. Dann gibt es (vergleiche Satz 4.4) einen Zykel V0(c), . . . , Vn−1(c) von Fatoukomponenten mit einem z0(c) ∈ V0(c), so dass Rnc (z0(c)) = z0(c) und λ(c) = (Rnc )′(z0(c)) ist. Nach dem Riemannschen Abbildungssatz gibt es eine konforme Abbildung Ψc : V0(c) → D, die z0(c) auf 0 abbildet. Wir setzen nun Bc := Ψc ◦ Rnc ◦ Ψ−1c . Dann ist Bc : D → D ein Blaschkeprodukt vom Grad 2. Durch geeignete Normierung von Ψ′c(z0) erreichen wir Bc(ζ) = ζ ζ + λ(c) 1 + λ(c)ζ Also ist λ(c) ∈ D der Multipli- kator des Fixpunktes z0(c) von Rnc und des Fixpunktes 0 von Bc. DD Ψc Ψc V0(c)V0(c) Bc0 0 z0(c) z0(c)Rnc Abbildung 4.7: Die Konstruktion von ga, Teil 1 Die hyperbolischen Komponenten 58 (b) In gewissem Sinne soll diese Konstruktion nun umgekehrt werden. Zuna¨chst sei c∗ ∈ H fest mit λ(c∗) 6= 0. Wir setzen R := Rc∗ und Ψ := Ψc∗, z0 := z0(c∗), V0 := V0(c∗) und a∗ := λ(c∗). Wir betrachten nun die Familie (Ba){|a|<1−ε} mit Ba(ζ) = ζ ζ + a 1 + aζ , wobei ε > 0 so gewa¨hlt wird, dass |a∗| < 1 − ε. Wir wa¨hlen nun ein r mit 0 < r < 1, so dass fu¨r alle amit |a| < 1−ε die Kreisscheibe ∆ := {ζ : |ζ | < r} von Ba kompakt in sich abgebildet wird, das heißt Ba(∆) ⊆ ∆. Dann ist Ba : B−1a (∆) → ∆ eine eigentliche Abbildung vom Grad 2 und es gilt ∆ ⊆ B−1a (∆). Nun setzen wir D0 := Ψ−1(∆) und D′0 := R−n(D0) ∩ V0. Man beachte, dass das Diagramm in Abbildung 4.2 nicht kommutativ ist. DD Rn Ψ Ψ V0V0 Ba Ba(∆) D0 D0 D′0 ∆ ∆ B−1a (∆) Abbildung 4.8: Die Konstruktion von ga, Teil 2 Die hyperbolischen Komponenten 59 (c) Es sei nun (Φa) eine Familie von Diffeomorphismen von V0 mit Φa = Ψ in D0 und Ba ◦ Φa = Ψ ◦ Rn auf ∂D′0. Weiter sei Φa∗ = Ψ und (Φa) ha¨nge stetig vom Parameter a ab. Wir definieren nun die Abbildung ga = R−(n−1) ◦Ψ−1 ◦Ba ◦ Φa. Man beachte dazu, dass mit V1 := R(V0) und D1 := R−(n−1)(D0) ∩ V1 die Abbildung Rn−1 : D1 → D0 konform ist. Nach Konstruktion ist dann ga = R auf ∂D′0 und wir setzen ga nun fort zu einer stetig differenzierbaren Abbildung ga : Ĉ → Ĉ. Dazu sei Vα := α(V0) und Vβ := β(V0). Wir setzen ga nun fort durch ga(z) :=    ga(z), z ∈ V0 ga(α(z)), z ∈ Vα ga(β(z)), z ∈ Vβ R(z), sonst gna = Rn V0V0 D0gna gna = Ψ−1 ◦ Ba ◦Ψ Abbildung 4.9: Die Konstruktion von ga, Teil 3 Nach Konstruktion ist ga außerhalb von (D′0 \D0)∪α(D′0 \D0)∪β(D′0 \D0) analytisch und jede Iterierte gka hat ho¨chstens einen nicht-analytischen Fak- tor, die Abbildung ga ist also gleichma¨ßig quasiregula¨r. Die zweite Aussage folgt, weil mit z ∈ (D′0 \D0) ∪ α(D′0 \D0) ∪ β(D′0 \D0) fu¨r alle k ≥ 1 gilt, dass gka(z) ∈ D0. Ferner ist ga(z) = ga(α(z)) = ga(β(z)) fu¨r alle z ∈ C. Nun wenden wir die Konstruktion wie im Beweis von Lemma 3.17, siehe Seite 36, an. Wir erhalten einen Beltramikoeffizienten µa mit g∗aµa = µa. Es sei wieder ha die Lo¨sung der zugeho¨rigen Beltramigleichung µa(ha)z = (ha)z mit der u¨blichen Normierung. Dann ist Ga = ha ◦ ga ◦ h−1a eine rationale Funktion und wir erhalten, dass Ga = Rτ(a) fu¨r eine stetige Abbildung τ , also wieder Die hyperbolischen Komponenten 60 zu unserer Familie geho¨rt. (d) Wegen gna (z0) = z0 hat auch Gτ(a) wieder einen Zykel der La¨nge n. Mit Hilfe der Kettenregel erhalten wir, dass der Multiplikator dieses Zykels gerade gleich B′a(0) = a ist. Somit ist λ(τ(a)) = a. Da τ stetig von c abha¨ngt, folgt hieraus, dass λ keine kritischen Punkte hat und somit nach der Riemann- Hurwitz-Formel eine konforme Abbildung ist. 2 Folgerung 4.8 Die hyperbolische Komponente H entha¨lt genau ein Zen- trum, das heißt genau ein c mit Qn(c) = c. Kapitel 5 Juliamengen als Sierpin´skikurven 5.1 Juliamengen als Sierpin´skikurven Definition 5.1 Eine Sierpin´skikurve ist eine nicht-leere, kompakte, zusam- menha¨ngende, lokal zusammenha¨ngende und nirgends dichte Teilmenge der komplexen Ebene, deren Komplementa¨rgebiete durch paarweise disjunkte Jordankurven berandet sind. Das erste Beispiel einer Juliamenge als Sierpin´skikurve stammt von John Milnor und Tan Lei, die gezeigt haben, dass die Juliamenge von f(z) := a ( z + 1z ) + b fu¨r geeignete Parameter eine Sierpin´skikurve ist (vergleiche [LeiMil]). In vielen untersuchten Familien tauchen Juliamengen als Sier- pin´skikurven auf und sind oft sogar eher die Regel als die Ausnahme, verglei- che zum Beispiel die Arbeiten von Devaney und Steinmetz ([Dev1], [Dev2], [St6], [St7]). Der Nachweis, dass die Juliamenge eine Sierpin´skikurve ist, wird dabei wesentlich erleichtert durch das Lemma von Morosawa (Lemma 5.3, vergleiche [Mor]). Bemerkung 5.2 Es ist wohlbekannt (vergleiche zum Beispiel [St1]), dass die Juliamenge Jc nicht-leer, kompakt und nirgends dicht ist. Die Sa¨tze 3.7 und 3.8 liefern fu¨r c ∈ Ωn, n ≥ 1, dass Jc zusammenha¨ngend und sogar lokal zusammenha¨ngend ist. Satz 4.4 liefert dies fu¨r die hyperbolischen Kompo- nenten. Wenn wir wissen wollen, ob die Juliamenge eine Sierpin´skikurve ist, stellt sich also hier fu¨r c ∈ Ωn, n ≥ 1, nur noch die Frage, ob U∞(c) und alle seine Urbildgebiete durch einfach geschlossene, paarweise disjunkte Kurven berandet sind. Hierzu benutzen wir die beiden folgenden Lemmata. Sierpin´skikurven 62 Lemma 5.3 (Lemma von Morosawa) Es sei R eine subhyperbolische, rationale Funktion und U eine vorwa¨rts invariante Komponente ihrer Fatou- menge F(R). Wenn es eine Komplementa¨rkomponente E von U und eine Komponente D von F(R) gibt, so dass D ∪R−1(D) ⊆ E, dann ist der Rand von U eine Jordankurve. Der Beweis dieses Lemmas findet sich in [Mor]. Dabei heißt eine rationale Funktion R subhyperbolisch, wenn gilt: (i) Jeder kritische Punkt in der Juliamenge J (R) ist pra¨periodisch. (ii) Jeder kritische Punkt in der Fatoumenge F(R) wird durch einen (super-) attraktiven Zykel angezogen. Jede hyperbolische, rationale Funktion ist also subhyperbolisch. Insbesonde- re ist fu¨r c ∈ Ωn oder c ∈ Hn, n ∈ N, Rc sicherlich subhyperbolisch. Lemma 5.4 Es sei R rational und D ein Jordangebiet. Wenn ∂D keine kritischen Werte von R entha¨lt, dann haben je zwei verschiedene Urbilder von D disjunkten Abschluß. Dieses einfache, aber sehr hilfreiche Lemma ist in [St6] bewiesen worden. Wenn wir also fu¨r c ∈ Ωn, n ∈ N, untersuchen wollen, ob Jc eine Sier- pin´skikurve ist, so genu¨gt es, zu untersuchen, ob ∂U∞(c) eine Jordankurve ist. Lemma 5.5 Die beiden Polstellen 0 und 1 von Rc liegen in derselben Zu- sammenhangskomponente von Ĉ \ U∞. Beweis: Wir bezeichnen mit W0 (bzw. W1) die Zusammenhangskomponete von Ĉ \ U∞, die 0 (bzw. 1) entha¨lt. Wir nehmen nun an, W0 6= W1. Wir wissen bereits nach Satz 1.1, dass die Julia- und Fatoumenge invariant unter α(z) = 1− z und β(z) = 1z sind. Nach Definition ist ∂W1 ⊆ ∂U∞, also ∂(β(W1)) ⊆ β(∂W1) ⊆ β(∂U∞) = ∂U0. Wir wissen ferner, dass W0, W1 und alle Komplementa¨rgebiete von Ĉ \ U 0 Jordangebiete sind (vergleiche [Why2], Seite 106-107). Dann muß aber ent- weder β(W1) ⊆ W0 oder Ĉ \ W 0 ⊆ β(W1) gelten. Insbesondere wa¨re also im ersten Fall β(1) = 1 ∈ W0, im Widerspruch zu unserer Annahme. Im zweiten Fall wa¨re ∞ ∈ β(W1), also 0 ∈ W1, und wir erhalten auch hier einen Widerspruch. 2 Sierpin´skikurven 63 Lemma 5.6 Es sei c ∈ Ωn oder c ∈ Hn fu¨r ein n ∈ N. Dann ist ∂U∞ eine Jordankurve. Beweis: Es sei W0 die Komponente von Ĉ\U∞, die 0 entha¨lt. Dann ist nach Lemma 5.5 auch 1 ∈W0. Ist W eine beliebige Komponente von Ĉ \ U∞, die weder 0 noch 1 entha¨lt, so ist ∂Rc(W ) ⊆ Rc(∂W ) ⊆ Rc(∂U∞) = ∂U∞ und W ∩ U∞ = ∅. Also bildet Rc die Komponente W eigentlich auf eine Komponente W ′ von Ĉ \U∞ ab. Wir nehmen nun an, die beiden dreifachen Nullstellen z+ und z− liegen nicht in W0. Entweder diese beiden liegen in derselben Komponente W± von Ĉ \ U∞, und es ist Rc : W± 6:1→ W0 eine eigentliche Abbildung vom Grad 6, oder z+ und z− liegen in zwei verschiedenen Komponenten W+ und W−, und es ist Rc : W+ 3:1→ W0 sowie Rc : W− 3:1→ W0 jeweils eine eigentliche Abbildung vom Grad 3. Im ersten Fall hat jeder Punkt aus ∂W0 = Rc(∂W±) 6 verschiedene Urbilder in ∂W±, da die Juliamenge keine kritischen Punkte entha¨lt. Im zweiten Fall hat jeder Punkt aus ∂W0 = Rc(∂W+) = Rc(∂W−) je drei verschiedene Urbilder in ∂W+ und in ∂W−. Nach Lemma 5.4 sind diese 6 auch paarweise verschieden. Andererseits ist aber ∂W0 ⊆ ∂U∞ = Rc(∂U0), und somit hat jeder Punkt aus ∂W0 auch zwei Urbilder in ∂U0. Dies sind aber ”zu viele“ Urbilder, al-so ist im ersten Fall W± ⊆ W0 und im zweiten Fall zumindest W+ ⊆ W0 oder W− ⊆ W0. Da aber mit α(z) = 1 − z gilt α(U∞) = U∞, sind auch alle Komplementa¨rgebiete von Ĉ \ U∞ invariant unter α oder werden auf Komplementa¨rgebiete von Ĉ \ U∞ abgebildet. Wegen α(0) = 1 ∈ W0, also α(W0) = W0, ist mit z+ ∈ W0 auch z− = α(z+) ∈ W0 und umgekehrt. Wir haben also im ersten wie im zweiten Fall gezeigt: R−1c (W0) ⊆W0. Das Lem- ma von Morosawa 5.3 liefert nun, dass ∂U∞ eine Jordankurve ist. 2 Nun erhalten wir leicht das folgende Resultat: Satz 5.7 Es sei c ∈ Ωn, n ∈ N. Dann ist Jc eine Sierpin´skikurve. Beweis: Nach Satz 3.7 bzw. Satz 3.8 ist Jc zusammenha¨ngend und lokal zusammenha¨ngend, U∞ einfach zusammenha¨ngend und ∂U∞ lokal zusam- menha¨ngend. Nach Lemma 5.6 ist ∂U∞ eine Jordankurve und da Jc keine kritischen Punkte entha¨lt, sind auch alle Urbildgebiete von U∞ Jordangebie- te. Nach Lemma 5.4 folgt schließlich, dass alle Urbildgebiete von U∞ disjunk- ten Abschluß haben. Damit ergibt sich die Behauptung. 2 Sierpin´skikurven 64 Abbildung 5.1: Juliamenge als Sierpin´skikurve (c=2+1,6i) Bemerkung 5.8 Fu¨r c ∈ Hn, n ≥ 1, folgt zumindest, dass ∂U∞(c) eine Jor- dankurve ist, die Juliamenge ist jedoch im Allgemeinen keine Sierpin´skikurve. Sierpin´skikurven 65 5.2 Juliamengen und Quasikreise In diesem Abschnitt wollen wir zeigen, dass fu¨r gewisse Parameter c die Abbildung Rc polynom-a¨hnlich ist. Daraus ko¨nnen wir dann unabha¨ngig vom vorherigen Abschnitt schließen, dass ihre Juliamenge eine Sierpin´skikurve ist. Wir betrachten die zu Rc konjugierte Abbildung R˜c : Ĉ → Ĉ R˜c(z) := 1 Rc(1/z) = 274 1 c z2(z − 1)2 (z2 − z + 1)3 Dann ist 0 ein superattraktiver Fixpunkt der konjugierten Funktion R˜c. Es sei D2 := { w : |w| < 14 } und D1 die Komponente von R˜−1c (D2), die 0 entha¨lt. Lemma 5.9 Fu¨r 0 < |c| < 1080029791 ≈ 0, 36 ist R˜c : D1 2:1→ D2 quasikonform konjugiert zu z2. Beweis: Als erstes zeigen wir, dass D1 ⊆ D2. Dazu sei z ∈ C mit |z| = 1 5. Dann gilt |R˜c(z)| = 27 4 · 1 |c| · |z|2 |z − 1|2 |z2 − z + 1|3 ≥ 4 · 25 · 27 313 · 1 |c| > 1 4 , wobei wir in der letzten Ungleichung die Einschra¨nkung fu¨r c ausnutzen. Also ist { z : |z| = 15 } ∩D1 = ∅ und somit D1 ⊂ D2. Als na¨chstes zeigen wir, dass D1 einfach zusammenha¨ngend ist. Nehmen wir an, D1 wa¨re nicht einfach zusammenha¨ngend. Dann gibt es eine beschra¨nkte Komplementa¨rkomponente C von D1. Auf ∂C gilt |R˜c(z)| = 14 . Da C ⊆ D2, hat R˜c keine Polstelle in C. Nach dem Maximumprinzip folgt nun, dass D1 einfach zusammenha¨ngend ist. Wir wissen, dass R˜c : D1 → D2 eine eigentliche Abbildung ist und dass D1 genau einen kritischen Punkt von R˜c entha¨lt, na¨mlich den Nullpunkt. Die Riemann-Hurwitz-Formel liefert nun, dass der Abbildungsgrad k = 2 ist. Dies liefert die Behauptung. 2 Definition 5.10 Eine Menge K ⊆ C heißt Quasikreis, wenn es eine quasi- konforme Abbildung h mit h(∂D) = K gibt. Sierpin´skikurven 66 Folgerung 5.11 Fu¨r Parameter c ∈ Ωn, n ≥ 1, und c ∈ Hn, n ≥ 1, mit 0 < |c| < 1080029791 ist ∂U∞(c) ein Quasikreis. Fu¨r c ∈ Ωn beweist dies erneut, dass die Juliamenge Jc eine Sierpin´skikurve ist. Folgerung 5.12 Die obigen U¨berlegungen zeigen fu¨r die Cantorkomponente Ω0, dass Ω0 ⊆ { c ∈ C∗ : |c| ≥ 1080029791 } . Bemerkung 5.13 Wenn wir fu¨r c mit |c| < 1350029791 = 22 · 33 · 53 313 ≈ 0, 45 den a¨ußeren Kreis D2 := { w : |w| < 15− ε } mit |c| < (5 − ε) · 2 2 · 33 · 52 313 wa¨hlen und D1 entsprechend, so erhalten wir mit derselben Argumentation wie oben, dass R˜c : D1 2:1→ D2 eine polynoma¨hnliche Abbildung ist und somit auch hier ∂U∞(c) ein Quasikreis. Sierpin´skikurven 67 5.3 Dynamische Konjugation Nach Whyburn (vergleiche [Why1]) sind je zwei Sierpin´skikurven homeo- morph. Dies heißt jedoch nicht, dass fu¨r zwei Parameter c und λ, fu¨r die die Juliamengen Jc und Jλ Sierpin´skikurven sind, die Funktionen Rc und Rλ auf ihren Juliamengen topologisch konjugiert zueinander sind: Nach dem λ- Lemma von Man˜e´, Sad und Sullivan sind Rc und Rλ quasikonform konjugiert zueinander, wenn c und λ in derselben Fluchtkomponente liegen. Anderer- seits sind Rc und Rλ sicher nicht topologisch konjugiert zueinander, wenn c und λ in Fluchtkomponenten verschiedener Ordnung liegen. Es stellt sich hier die Frage, ob und wann zwei Funktionen Rc und Rλ bei denen c und λ in verschiedenen Fluchtkomponenten derselben Ordnung liegen, topologisch konjugiert zueinander sind. Eine derartige Fragestellung wurde vermutlich erstmalig in der Arbeit [DevPil] von R. Devaney und K.Pilgrim fu¨r die sym- metrische McMullen-Familie Rc(z) = zn + czn untersucht. Die dortigen U¨ber- legungen werden hier auf die zu untersuchende Familie u¨bertragen. Lemma 5.14 a) Die Abbildung Rc ist in Ĉ nicht konjugiert zu Rλ durch eine Mo¨bi- ustransformation h, falls λ 6= c. b) Es ist Rc konjugiert zu Rc via z 7→ z. Beweis: Es sei h eine Mo¨biustransformation mit Rc = h◦Rλ◦h−1 in Ĉ. Dann ist h(∞) = ∞ und h ({0, 1}) = {0, 1}, also h(z) = z oder h(z) = 1 − z. Im zweiten Fall folgt fu¨r z ∈ C die Identita¨t cR(z) = 1−λR(1−z) = 1−λR(z), also (c+ λ)R(z) = 1. Dies liefert einen Widerspruch. Aussage b) folgt unmittelbar aus Rc(z) = Rc(z). 2 Satz 5.15 Es seien c, λ ∈ ⋃ n∈N Ωn. Rc ist genau dann topologisch konjugiert zu Rλ auf der Juliamenge, wenn c und λ in derselben Fluchtkomponente Ω liegen oder wenn c ∈ Ω und λ ∈ {µ : µ ∈ Ω} mit einer Fluchtkomponente Ω und der ”spiegelbildlichen“ Fluchtkomponente {µ : µ ∈ Ω}. Beweis: Ist Ω eine Fluchtkomponente und c ∈ Ω, so ist Rc quasikonform konjugiert zum Zentrum c0 von Ω (vergleiche Satz 3.19). Wir ko¨nnen also im Folgenden ohne Einschra¨nkung annehmen, dass c und λ Zentren von Fluchtkomponenten sind. Insbesondere sind Rc und Rλ dann kritisch endlich, das heißt, der Vorwa¨rtsorbit O+(C) der kritischen Punkte ist endlich. Sierpin´skikurven 68 Nun sei h : Jc → Jλ ein Homeomorphismus mit Rc = h−1 ◦ Rλ ◦ h. Es ist dann h(∂U∞(c)) = h(Rc(∂U∞(c))) = Rλ(h(∂U∞(c)), also insbesondere h(∂U∞(c)) = ∂U∞(λ). Wir ko¨nnen jetzt davon sprechen, dass h orientie- rungserhaltend oder orientierungsumkehrend auf ∂U∞(c) ist. Sei zuna¨chst h orientierungserhaltend. Da ∂U∞(c) und ∂U∞(λ) Jordankurven sind, lassen sich die normierten Bo¨ttcherfunktionen ϕ˜c := 427cϕc bzw. ϕ˜λ := 427λϕλ nach dem Satz von Osgood-Carathe´odory (vergleiche Satz 16.3a in [Hen], Seite 345ff) zu einer stetigen Abbildung von U∞(c) bzw. U∞(λ) fortsetzen. Wir ko¨nnen also die Funktion H : ∂D → ∂D, H(z) := ϕ˜λ ◦ h ◦ ϕ˜−1c definieren. Dann ist H(z2) = (H(z))2, also H(z) = z fu¨r z ∈ ∂D. H la¨ßt sich also trivialerweise nach D fortsetzen. Durch diese Fortsetzung erhalten wir eine konforme Abbildung h : U∞(c) → U∞(λ) mit Rc = h−1 ◦Rλ ◦ h. Konkret ist h = ϕ˜−1λ ◦ ϕ˜c fu¨r z ∈ U∞(c). Da c und λ Zentren von Fluchtkomponenten derselben Ordnung n ∈ N sind, ist Rnc (c) = Rnλ(λ) = ∞ und die beiden Abbildungen Rc und Rλ sind kritisch endlich. Dies erlaubt es uns, die konforme Abbildung h durch Pull-Back (ver- gleiche Seite 21) zu einer konformen Abbildung in Ĉ fortzusetzen. Dann ist aber h eine Mo¨biustransformation und Lemma 5.14 a) liefert h(z) = z. Ist der Homeomorphismus h orientierungsumkehrend auf ∂U∞(c), so ist nach Lemma 5.14 b) die Abbildung Rc konjugiert zu Rλ vermo¨ge eines orientie- rungserhaltenden Homeomorphismus. Dies liefert die Behauptung. 2 Literaturverzeichnis [Ahl] L. V. Ahlfors, Complex analysis, 2nd edition, McGraw Hill Book Company, New York 1966 [Bea] A. F. Beardon, Iteration of Rational Functions, Springer, New York 1991 [Bus] N. Busse, Dynamische Eigenschaften rekursiv definierter Poly- nomfolgen, Dissertation, Dortmund 1994 [CarGam] L. Carleson, Theodore W. Gamelin, Complex Dynamics, Springer, New York 1993 [Cha] K. Chandrasekhran, Elliptic Functions, Springer, Berlin 1985 [Dev1] R. Devaney, Structure of the McMullen domain in the parameter planes for rational maps, Fundam. 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