Kurzbeiträge 253 Einführung von Wissensmanagementsystemen in Wirtschaft und Wissenschaft – eine aktuelle Bestandsaufnahme 1 Zum Text Der folgende Text ist im Rahmen einer Explorati- onsstudie Einführung von Wissensmanagementsys- temen in Wirtschaft und Wissenschaft, die im Auf- trag des Ministeriums für Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW durchgeführt wurde, entstanden. Er basiert auf empirische Erhebungen und Auswertung aktueller Studien, Internetrecher- chen, Besuch von Fachmessen sowie vor allem auf acht qualitative Interviews mit ExpertInnen, die zur Implementierung von Wissensmanagement in Un- ternehmen, Beratungsagenturen und Verbänden gearbeitet haben und noch arbeiten. Hinzu kam die intensiven Auswertungsdiskussionen der interdis- ziplinär zusammengesetzten sfs–Projektgruppe so- wie die öffentliche Präsentation und Diskussion im Rahmen eines Workshops (www.sfs-dortmund.de). Der Zeitraum der Erhebung und Auswertung er- streckt sich vom Herbst 2002 bis Frühjahr 2003. Die Untersuchung hatte u. a. zum Ziel, die Brauchbar- keit von Wissensmanagementsystemen der Wirt- schaft für wissenschaftliche Forschungseinrichtun- gen, wie die Sozialforschungsstelle, zu untersu- chen.1 Der Text gibt nach Ansicht der Projektgruppe relativ gut den gegenwärtigen sehr widersprüch- lichen Stand des deutschen Diskurses um Wis- sensmanagement wider, ohne weitergehende wis- senschaftliche Bearbeitung. Seine Heterogenität rührt von einer sehr unterschiedlichen Durchdrin- gung des Gegenstands durch die Akteure in Wis- senschaft und Praxis wie auch der noch in vieler- lei Hinsicht Unabgeschlossenheit des Prozesses, der sich real abspielt, her. Der thesenartige Text versucht nicht, diese Widersprüchlichkeit der Realität zu glätten oder gar analytisch aufzuhe- ben. Vielmehr sehen die Autoren dies als eine angemessene Situationsbeschreibung und gerade hierin die Chance, eine notwendig gesteigerte Reflexivität zu erreichen, die für die weitergehen- de Debatte in Wissenschaft wie auch Praxis drin- gend erforderlich scheint. 2 Der Gegenstand Die öffentliche Debatte um das „Wissensmanage- ment“ (WM) bezeichnet eine relativ neue gesell- schaftliche Diskursformation, die sich in sehr unterschiedlichen Wissenschafts- und Erfahrungs- horizonten bewegt (Forschung, Beratung, Ent- wicklung, Programmierung, Rationalisierung, Leitung, Dienstleistung, Wirtschaft, Politik), sich aus den verschiedensten Erkenntnisquellen speist und auch von sehr unterschiedlichen Interessen und Perspektiven geprägt ist, ohne dies in der übergreifenden gemeinsamen Diskussion jeweils deutlich zu machen. Eine Hintergrundfolie ist zumeist die zunehmend politisch geführte Debat- te um die Herausbildung einer sogenannten Wis- sensgesellschaft und dem lebenslangen Lernen (einschließlich der darauf bezogenen öffentlichen Förderprogramme) bezogen auf die Veränderun- gen in einer globalisierten Wirtschaft. Es gibt in der umfangreichen Management- Literatur unterschiedliche Versuche, pragmati- sche Vorgehensweisen und „exakte“ Modelle um zu einer Definitionen von Wissen als „handlungs- leitende Ressource“ zu gelangen. In der Praxis der von uns befragten Akteure dagegen werden je- doch keine eigenen Definitionsversuche von WM unternommen (nur „Mühlstein“), höchstens das Verständnis banalisiert („nichts Neues“), als modi- sches Label gedeutet („buzzword“) oder auch spekulativ aufgeladen („Phantom“, „Trojanisches Pferd“). Pragmatischer sind Verständnisse von WM als neue Perspektive auf vorhandene Prozes- se („Zukunftsaufgabe“), als Sensibilisierungsstra- tegie für Veränderungen oder als das Zusammen- führen oder Systematisieren von bisher getrennten Handlungsbereichen („Informationsmanagement plus Organisationsentwicklung“) in Unternehmen. Kaum reflektiert wird die überkommene Be- deutung von Wissen als wahre Erkenntnis und von Management als Entscheider in kapitalisti- schen Unternehmen. Mit dem (systemtheoretisch reduzierten) Verständnis von Wissen als Res- source und Management als Handling bleibt der ökonomische Hintergrund (Nutzen, Funktionie- ren) latent vorhanden, jedoch verschwindet weit- gehend die bildungs- und gesellschaftspolitische Dimension. 1 Die Sozialforschungsstelle erprobt derzeit in mehreren Projekten unterschiedliche Formen von Wissenschaft – Praxis - Netzwerken. Sie entwickelt ein entsprechendes Beratungsangebot zur Verbesserung der Wissenskoo- peration für Wirtschaftsunternehmen und des Knowledge-Management für Forschungsinstitute. Kurzbeiträge254 WM-Projekte entpuppen sich bei genauem Hinsehen nicht selten als klassische DV-Projekte mit Rationalisierungshintergrund. Entsprechend kritisch ist die Sichtweise Betroffener. Hoffnung gesetzt wird von vielen an der Diskussion Betei- ligten auf eine zweite Generation von „Wissens- managementsystemen“, die sich eher als eine Arbeit an sozialen Strukturen versteht. Besonders unklar ist das Verständnis von WM für Klein- und Mittelbetriebe. 3 Einführungsgründe für Wissensmanagement (WM) Es wurden in den Erhebungen folgende Gründe für die Einführung von WM genannt: – Auf „nichtstationären Arbeitsplätzen“ von Mitarbeitern (z.B. Beratern) besteht das Prob- lem, dass „kein regelmäßiger Austausch“ (ho- rizontal) möglich ist. Die Möglichkeiten des WM ,auf zentrale Informationspools zuzu- greifen und Erfahrungen mit den Kollegen auszutauschen, bietet hier einen Lösungsan- satz. – In Unternehmen mit einer hohen Fluktuation findet ein starker Abfluss von Wissen statt, dem durch eine (partielle) Erfassung und Überführung dieses Wissens in eine Daten- bank entgegengewirkt werden kann. – Eine „extreme“ Kundenorientierung, die häu- fig mit einer Marktpräsenz auf „hohen“ Spezi- algebieten verbunden ist, kann Anlass für die Einführung eines Wissensmanagementsys- tems sein, das verbesserte Voraussetzungen für Bewältigung dieser Marktstrategie schafft. – Eine „doppelte Datenhaltung“ oder eine „un- strukturierte Datenflut“ zwingt zur Strukturie- rung des Wissens, die durch ein Wissensma- nagementsystem unterstützt werden kann. – Das Vorhandensein eines Intranets wird als Herausforderung gesehen, WM einzuführen. – Die Wissenserfordernisse bei der Überbrü- ckung von Länder- und Branchengrenzen füh- ren zur Einführung von Netzwerken auf der Grundlage eines Wissensmanagementsys- tems. Es treffen aber zumeist mehrere dieser Gründe bei der Einführung von WM zu. Eine wesentliche Funktion dieser Kombination von Einführungs- gründen ist die Integration interner und externer Wissensquellen. Anreize zur Einführung eines Wissensma- nagementsystems bieten zudem folgende „Bene- fits“: Unternehmen bekommen durch die Ausein- andersetzung mit Wissensmanagement die Mög- lichkeit, die Bekanntheit ihrer Marken zu stei- gern, ihre Produktqualität und Vertriebseffizienz zu erhöhen und die Transparenz über das verfüg- baren Wissen zu verbessern. Soweit Wissensmanagement in Großunter- nehmen eingeführt wird, wird es als strategisches Thema behandelt. Gegenüber Initiativen von unten, die zur Einführung von Wissensmanage- ment führen, besteht dagegen Skepsis. 4 „Wissensmanagement“ als Veränderung der Unternehmenskultur Zunehmend wird in der gegenwärtigen Debatte jedoch klarer gesehen, dass die mit der Einfüh- rung eines Wissensmanagementsystems verbun- denen kulturellen Veränderungen („Wissens- management bedeutet Kulturveränderung“) groß und ein langfristiger Prozess sind. Bei diesem Prozess geht es insbesondere um die Steuerung von sozialen Strukturen. Dabei zeichnet sich ein Handlungsmodell ab, das auf der Wissenshergabe im Rahmen eines WIN-WIN-Austausches be- ruht. Dieser Austausch ist stärker durch informel- le und nicht auf den unmittelbaren ökonomischen Vorteil zielende Aspekte bestimmt. Die partizipa- tive Entwicklung von Regeln für einen solchen Wissensaustausch würde zu einer wichtige Kul- turaufgabe in den Unternehmen. Im Verhältnis von WM und Kultur steht also die Veränderungsdimension im Vordergrund. Dieser Aspekt drückt sich aus in der Einschät- zung, dass WM einen tiefen Einschnitt in die Entwicklung einer Organisation bedeutet. Diese Entwicklung tangiert sowohl die Grundwerte als auch den Alltagsbereich, wo Wissen als Wert geschätzt wird. Allerdings wird nach wie vor bei der Verän- derung der betrieblichen Gegebenheiten im Zuge der Einführung von WM der Informationstechnik gegenüber der Unternehmenskultur eine Vorrei- terrolle eingeräumt. Aufgrund der Langfristigkeit von kulturellen Veränderungen wird Wissensma- nagement in der Regel zunächst auf der Basis der bestehenden Unternehmenskultur eingeführt. Erst im Zuge des Veränderungsprozesses, den diese primär technische Innovation auslöst, findet dann auch deren Wandel statt. Kurzbeiträge 255 Ein wichtiger Faktor bei der Einführung eines funktionsfähigen Wissensmanagementsystems ist die Prozessintegration. D.h. WM wird nicht als etwas zusätzliches, „aufgesetztes“ - sondern als Integration in den Arbeits- bzw. Herstellungspro- zess (ähnlich dem TQM-Konzept) aufgefasst. Dementsprechend ist Wissensmanagementsyste- me „dein Job und nichts zusätzliches“. In Kleinunternehmen stellt sich die Frage des WM anders dar. Sie sind häufig „hochinnovativ“ und entwickeln mit einfachen Mitteln eigene spe- zifische Lösungen. Diese können jedoch kaum als das Resultat gezielter Organisationsentwicklungs- Prozesse angesehen werden, da in den meisten kleinen Unternehmen hierfür keine Ressourcen zur Verfügung stehen. 5 „Gute Informationen“ sind kein Zufallsprodukt - Hindernisse im Wissensmanagement Schnelle Erfolge („Quick wins“) zu erzielen und Success-stories oder „Gute Infos“ ins Netz ein- zuspeisen, wird aufgrund bisheriger Erfahrungen als wichtig erachtet, um ein frühes Scheitern zu vermeiden. Zum Erfolg von WM trägt eine Kultur des Fehlerlernens ebenso bei wie eine Arbeitsge- staltung, die Raum für den Erwerb von rele- vantem Erfahrungswissen bietet und Anreize setzt dieses Wissen zu verbalisieren und zu kommuni- zieren . Ein/e „Kümmerer/in“ im Unternehmen fungiert als Ansprechpartner/in für die WM-Nutzer und ein Organisator baut ein Intranet auf, das neben einem Skillset auch eine „Premium-Daten- bank“ enthält. Diese Datenbank zeigt die „Juwe- len“ des Wissens bzw. enthält relevante wichtige Informationen, die frei zugänglich sind. Neue MitarbeiterInnen suchen gerne und viel in diesen Datenbanken. Hier kann das Selbstmarketing online als Nutzen für den Einzelnen zum Anreiz werden. Dass viele Projekte offensichtlich in der Pra- xis scheitern, ist auf sehr unterschiedliche Ursa- chen zurückzuführen. So überwiegt beim einen das Konkurrenzdenken, beim anderen die Furcht, das Wissen als „Alleinstellungsmerkmal“ zu ver- lieren (v.a. Berater), oder generell die Bereit- schaft, Wissen weiterzugeben oder sogar preiszu- geben. Andere führen die Angst, den Job zu verlieren, oder das Alter (als zentralen Faktor für die Blockade) an. Sicher: Niemand wird sein Wissen zu 100% in ein System einstellen – aber fehlende „quick wins“ sind ebenso hinderliche Faktoren wie das nicht Erreichen einer „kriti- schen Masse“ von interessanten Informationen, das notwendig ist, damit sich ein kontinuierlicher Wissensaustausch entwickeln kann. Als größtes Defizit wird die Kompetenz der Mitarbeiter („Kul- turkompetenz“ das Wissen zu dokumentieren und organisieren) aufgeführt - der „Faktor Mensch“ wird damit zu wenig berücksichtigt. Obwohl jeder Bereich unterschiedlichen Be- darf an Informationen hat, ist das Design der Software in einigen Firmen viel zu umständlich, benutzerunfreundlich („zu viele Klicks bei der Navigation“) oder der Zeitbedarf ist sehr hoch (vice versa: die Antwortgeschwindigkeit ist zu gering). Die technische Dominanz, die sich in einer Vielzahl von Unterportalen äußern kann - wie das extreme Gegenteil, eine völlig unstruktu- rierte Datenflut - zu einem Datenfriedhof führen. Wenig überraschend ist, dass viele Diskussions- foren nicht „funktionieren“. Keine eindeutige Unternehmenspolitik zum „eArchiv“ ist ebenso kontraproduktiv wie „temporäre/zeitweilige Ab- stürze“ in der Prozesssteuerung der Soft- (oder Hard-) ware. Ein großes Problem ist die fehlende Rück- kopplung von Projektergebnisse und die Fluktu- ation der MitarbeiterInnen. Das Debriefing bei abgeschlossenen Projekten wird nur unzureichend durchgeführt. Auch die lessons learned scheitern häufig an Zeitknappheit im Alltag. WM-Software löst keine Kommunikations- probleme – weder dort, wo traditionelle zentralisti- sche Unternehmensstrukturen vorherrschen, noch dort, wo Teamarbeit unterentwickelt ist. Wo das Unternehmen sogar als große Behörde gesehen wird, monieren die Anwender ein System, das protegiert wird von Leuten, die nie damit arbeiten. Ein Zielkonflikt ist in großen Unternehmen die Balance zwischen globalen Standards und dem Wunsch nach „extremer Freiheit“, diese Stan- dards auf lokaler Ebene selbst zu gestalten. 6 Bausteine eines Wissensmanagementsystems Im Kontext von WM werden sehr unterschiedli- che Tools und Instrumente genannt. Sie reichen von IT-Lösungen, Darstellungs- sowie Analyse- und Steuerungsinstrumenten bis hin zu bereits bekannten OE-Instrumenten. Diese Instrumente bilden Bausteine eines Wissensmanagementsys- Kurzbeiträge256 tems, die im Idealfall einen intelligenten Verbund bilden und einen Mehrwert für die Unternehmen hervorbringen. Der Darstellungstool „Wissenslandkarte“ und das Analyse- und Steuerungssystem „Balanced Score Card“ (BSC) gelten als Elemente eines Wissensmanagement-Bausteins, bei dem Fragen der Wissensgewinnung und -verteilung im Zen- trum stehen. Die BSC bleibt bislang ein Ver- suchswerkzeug, um einen Prozess zum Wissens- management zu begleiten. Viele Unternehmen bevorzugen aber eine pragmatische Herangehens- weise bei der Entwicklung des Wissensmanage- ments. Die teilweise aus der Organisationsentwick- lung bekannten Instrumente community of practice, jour fix, informelle „Zirkel“ und „story- telling“ firmieren zunehmend unter dem Label Wissensmanagement. Wieweit sie eine wichtige Funktion innerhalb des Wissensmanagements ein- nehmen, ist noch offen. Community of practice beispielsweise dauerhaft stabil zu etablieren, bleibt ein ständiges Bemühen von Organisationen. Hausmessen, Roadshows und Cafes lassen sich eher in der Kategorie von organisationsinter- nen Tools für die Erhöhung der Akzeptanz von Wissensmanagement einordnen. Diese einfüh- rungsbegleitenden Maßnahmen, bilden aber selbst nicht ein Element eines Bausteins Wissensmana- gement. Als wesentliche Bausteine im Wissensma- nagement sind IT-Lösungen zu sehen. Auffällig ist, dass kaum Softwareprodukte genannt werden. Metainformationen, Meta- und erweiterte Kun- dendatenbanken, Workflowprozesse und Organi- sationsstrukturen abgebildet auf Internetplatt- formen stellen die gewählten Lösungen zum Wis- sensmanagement dar. Eine einheitliche Taxono- mie für die Datenbankinhalte, Prozess- und Orga- nisationsbeschreibungen kommt hier eine große Bedeutung zu. Auf dem Weg zum Wissensma- nagement tragen die IT-Lösungen im erhebliche Maße zum Erfolg bei; jedoch können diese Tools die Generierung und -verteilung von Wissen nur unterstützen. Der Einsatz von OE-, Steuerungs- und Analyseinstrumenten ist ebenfalls eine we- sentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Ein- führung eines Wissensmanagements in einer Or- ganisation. 7 „Kritische Masse“ und Anreizsysteme Aus der Erfahrung heraus, dass WM kein Selbst- läufer ist und der Aufbau und Pflege einer „kriti- schen Masse“, die notwendig ist, damit die Nut- zung des „Wissenspool“ selbst Anreiz genug ist, mit großen innerorganisatorischen Probleme ver- bunden ist, versucht man in vielen Unternehmen die Mitarbeiter durch Anreizsysteme zur Mitar- beit am WM zu motivieren. Bisher lässt sich kein dominierender Ansatz erkennen: Zum einen gibt es gute Gründe bewusst auf den Einsatz von Anreizsystemen zu verzich- ten, zum anderen arbeiten Unternehmen, die An- reizsysteme zur Förderung des WM einsetzen, mit unterschiedlichen Modellen. Gegen den Einsatz von Anreizsystemen spricht für einige Unternehmen, dass – knowledge-sharing eine selbstverständliche Tätigkeit ist, die nicht noch extra belohnt werden muss; – es keine eindeutigen Kriterien gibt, die eine gerechte Zusatzgratifikation einzelner Mitar- beiter ermöglicht. Bei der Verwendung von Anreizsystemen lässt sich beobachten, dass einige Unternehmen die Anreizsysteme auf die bisherige Organisations- struktur und bestehende Arbeitsverträgen einfach nur aufsetzen, während andere Unternehmen WM als change-process begreifen und Wissensma- nagement in Arbeitsverträge und Zielvereinba- rung integriert wird. Im Zentrum der Entwicklung von Anreizsys- temen liegt die intrinsische Motivation, wobei die Höhe des Einkommens für die extrinsische Moti- vation eine starke Rolle spielt. Zur „Messung“ des Beitrag des Mitarbeiter zum WM dienen vor allem technische Auswer- tung über die Wissensmanagement-Software so- wie Punktesysteme (Bewertungen durch Kolle- gen). Gerade am Beginn eines WM-Projektes ist zum Erreichen einer „kritischen Massen“, die ein Wissensmanagementsystem lebensfähig macht, eine besondere Förderung des Systems notwen- dig. Dabei hat sich bisher gezeigt, dass Anordnun- gen der Vorgesetzten, jeder Mitarbeiter habe be- stimmte Inhalte zu erstellen, scheitern. Erfolgs- versprechender ist der Support der Mitarbeiter/ Abteilungen durch ein Redaktionsteam. Kurzbeiträge 257 8 Organisatorische Ausdifferenzierung Die Einführung von WM bedarf eines internen Dienstleistungssystems für den Support von Wis- sensmanagementsystemen. Die Ergebnisse der Studie von Meta-Group (Tenbieg 2000) zeigen, dass derzeit noch über- wiegend die Verantwortung an der Umsetzung von Wissensmanagement an die IT-Abteilungen (62%) in den Unternehmen übertragen werden. Teilweise werden auch stabsstellenähnliche Be- reiche wie „center for business knowledge“ (CBK) oder „knowledge management board“ (KM-board) für den Support von Wissensmanagementsyste- men geschaffen und. neue Aufgabenbereiche wie chief knowledge officer und knowledge officer in einem service center eingerichtet. In diesen Auf- gabenbereichen sind Mitarbeiter/innen als Wis- sensredakteure“, interne Organisationsberater, Kümmerer oder Informationsbroker tätig. Gleich- zeitig schulen und unterstützen sie die Mitarbei- ter/in. In Absprache mit den anderen Abteilungen schaffen sie einen für die gesamte Organisation gültigen Thesaurus für die Verschlagwortung der Beiträge. Diese Veränderung der Organisations- struktur sind eher in großen Organisationen zu finden. Für mittlere und insbesondere kleine Un- ternehmen entfällt dieser Service oft aus Kosten- gründen. Eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung dieser erfolgskritischen Aufgaben spielen dezen- trale Organisationsstrukturen mit Freiräumen für informelle Kommunikation und eine Part- nerkultur, die Konkurrenzen abbaut und die Wis- sensexternalisierung fördert. Wichtig wird der Einsatz von externen Moderatoren zur „verständ- lichen Codierung“ der Wissensinhalte angese- hen. 9 Wissensmanagementsysteme und aktive Beteiligung der Nutzer/- innen Die Unklarheit über den Gegenstand „Wissens- management“, der Verdacht der Rationalisierung und Kontrolle auf der einen, das notwendige aktive Mitmachen, die entsprechende Motivation der Beschäftigten auf der anderen Seite macht bei der Entwicklung wie Einführung eine umfassen- de Qualifizierung wie aktive Beteiligung der Be- schäftigten und ihrer Interessenvertretungen so- wie des unteren Managements erforderlich. Bei- des ist bei den bisherigen uns bekannten Versu- chen nicht oder nur sehr unzureichend der Fall. Geklärt werden müssen die nötigen Basis- kompetenzen und die notwendigen spezifischen Arbeitstechniken. Erforderlich ist nicht eine „Knöpfchenbedienerschulung“, sondern erreicht werden muss ein „Skillset“ für einen systemati- schen Umgang mit Wissen, die Beherrschung moderner Arbeitstechniken bei einer flexible Grundhaltung. EDV – Qualifizierung bekommt erst vor dem Hintergrund des nötigen Arbeitspro- zesswissens ihren Stellenwert und führt hierüber zum Beherrschen der nötigen Recherchetechni- ken, die zu einem aktiven Umgang mit dem Wis- senssystem motivieren. Dieses Vorgehen ist geradezu konträr zu den Vorstellungen einer Ra- tionalisierung der betrieblichen Weiterbildung über E -Learning. WM kann nur erfolgreich sein über die aktive Einbeziehung der Beschäftigten bei der Konzeptionierung der Systeme, Festle- gung von Lastenheften und der Rahmenbedin- gungen, über einen mit dem Betriebsrat verein- barten Rationalisierungsschutz, Festlegung der Qualifizierungsziele, der Arbeitsorganisation, Kooperationsformen, Leistungsstrukturen, Kon- trollsysteme. Dies rückt die Frage der „Betriebsdemokra- tie“ (nicht nur der „Mikropolitik“) in das Zen- trum, deren Antwort die Möglichkeiten eines Wissensmanagementsystems in der Regel sprengt. 10 Wissenscontrolling als ungelöstes Problem Nach Auffassung der meisten Experten gibt es kein geeignetes Controlling für WM-Systeme. Diese Aussage bezieht sich vor allem auf eine Quantifizierung des Erfolgs von WM-Systeme, da es bekanntlich eine Metrik des Wissens nicht gibt und auch nicht geben kann. Die Evaluation bzw. Messung von IT/Knowledge-Management ist daher nach Auffassung der meisten Experten ebenso unmöglich wie die Abbildung des Nut- zens von Knowledge-Management durch die tra- ditionelle Finanzwirtschaft. Allerdings wird dis- kutiert und in einigen Beispielen auch erprobt, das vor allem als Steuerungsmittel eingesetzte Balan- ced Score Card (BSC) auch für die Evaluation von WM zu nutzen. Es wird aber bezweifelt, ob neues Wissen über BSC generiert werden kann. Kurzbeiträge258 Vor diesem Hintergrund dieser Erfahrungen wird der Nachweis eines in monetären Werten darstellbaren Return on Investment bei der Er- folgsbeurteilung von WM nicht für möglich ge- halten. Zugespitzt wurde WM als Infrastruktur- leistung bezeichnet, die ähnlich wie der nicht in Frage gestellte Nutzen einer Telefonanlage zu bewerten sei. Hingewiesen wurde aber auch dar- auf, dass der Verzicht auf Wissensmessung zur „Fehlallokation der Ressourcen“ führt. Einen Lösungsansatz in diese Richtung bietet die der Indikator „Zeitersparnis“ durch WM. Zudem werden Nutzerdaten als quantitative erhebbare Indikatoren für die Bewertung von Datenbanken hinzugezogen. Harte Fakten wie vor allem die Nachfrage und das Alter der Dokumente werden ebenfalls für Bewertungszwecke erhoben . Qualitative Messungen des Erfolgs von WM werden jedoch in einigen Unternehmen im Rah- men eines Review-Prozesses durchgeführt. Es werden Mitarbeitersurveys zu den Kenntnissen über die Angebote eines WM-Systems und zu Werteinschätzungen der eingestellten Beiträge erstellt. Des weiteren werden Wissensmanage- mentsysteme auf der Basis von Team- und On- linebefragungen bewertet. Die Bewertung der Dokumente durch die MitarbeiterInnen wird in einzelnen Organisationen nicht durchgeführt. Ein Problem des qualitativen Controlling besteht in der Fremd- und Selbstzurechnung bei der Bewer- tung von Beträgen. 11 Wissensmanagement als Markt – ein umkämpftes Terrain von Beratungsunternehmen Beim Markt für WM lassen sich keine einheitli- che Tendenzen erkennen: Auf der einen Seite boomt der Markt: - immer mehr Unternehmen interessieren sich als Kunden für WM, zum einen als Lösungs- ansatz für konkrete Probleme (Leidensdruck), zum anderen weil es gerade „in“ ist, man innovativ sein will oder weil man sich lang- fristig etwas davon verspricht (strategische Entscheidung); - es gibt immer neue IT-Tools und Software- hersteller mit Angeboten im Segment Wis- sensmanagement; - neue Beratungsunternehmen und -angebote drängen auf den Markt. Auf der anderen Seite lässt sich eine Ernüchte- rung feststellen („Wissensmanagement nach dem Hype“): - Wissensmanagement-Projekten werden zu- rückgefahren; - Einzelne Softwarehersteller und Beratungs- häuser ziehen sich aus dem Markt zurück. Im Einzelnen lassen sich drei Akteure auf dem Markt beobachten: 1. Beratungsunternehmen: Die großen internati- onalen Beratungsunternehmen sind führend beim internen Einsatz von WM - selbst wenn hier Anspruch und Wirklichkeit aufeinanderprallen. Die eigenen WM-Erfahrung sowie die Erfahrun- gen mit der Umsetzung komplexer IT-Projekte werden zu einem neuen Beratungsangebot (Know- ledge-Management-Consulting) zusammenge- fasst. Da Knowledge-Management-Consulting noch recht jung ist und die Anforderungen absolut kundenspezifisch sind, haben sich keine Bran- chen-Lösungen entwickelt. Die WM-Projekte der Berater gliedern sich ganz klassisch in Analysephase, Strategieentwick- lung und Umsetzungsphase und umfassen sowohl die Implementierung einer IT-Lösung zur Unter- stützung des WM sowie der „weichen Faktoren“ wie Organisationsentwicklung, Personalentwick- lung, change–management, Qualifizierung etc.. Die Laufzeit dieser Projekte geht von einigen Monaten bis zu zwei Jahren. Die Bedeutung der Berater wird häufig über- schätzt: nur ein Drittel der Unternehmen bedient sich externer Berater. 2. Softwaremarkt: Beim Wissensmanagement- Software gibt es keine eindeutigen Marktführer, wobei in jüngster Zeit zu beobachten ist, dass die Softwareriesen mit eigenen Produkten in den Markt drängen. Die WM -Softwareunternehmen sind oftmals spin-off´s mit direkten Kontakten zur Wissen- schaft. Am Softwaremarkt wird eine Vielzahl von Tools angeboten, die oftmals miteinander kombi- niert werden und so eine kundenspezifische Lö- sung ergeben. Dabei ist die Tendenz erkennbar, dass sich Portallösungen durchsetzen (Integrati- on verschiedener Datenquellen und Anwendungen in eine Oberfläche; Personalisierung). Die notwendigen Investitionen in Hard- und Software sind derartig hoch, dass sie für kleinere Unternehmen nicht realisierbar sind. Softwarehersteller und Beratungsunterneh- Kurzbeiträge 259 men sind durch gegenseitige strategische Alli- anzen eng miteinander verknüpft. 3. Angewandte Wissenschaft: Bei den angewand- ten Wissenschaften ist eine Marktorientierung verbunden mit einer Professionalisierung zu beo- bachten. Sie verstehen sich dabei oftmals als unabhängige (IT-) Berater. 12 Fazit: Wirtschaft und Wissenschaft in Lern - Netzwerken Man kann nicht davon ausgehen, dass der Begriff Wissen einheitlich definiert wird. In der Wirt- schaft lässt sich zur Zeit keine einheitliche Strate- gie bei der Einführung von WM beobachten - es überwiegen sehr heterogene und pragmatische Modelle. Derzeit kann die Wissenschaft von der Wirtschaft keine Best Practice, sondern eher ler- nen, wie man es nicht machen sollte. Eine Vielzahl von Wissensmanagement -Pro- jekten sind als „Datenfriedhöfe“ gescheitert. Auch bei den Erfolgsgeschichten in den Unternehmens- beratungen wird das WM nicht den eigenen An- sprüchen gerecht. Die zweite Generation von WM-Projekten sieht so in den IT nur noch unterstützende Funk- tion und setzt den Fokus auf die „weichen Fakto- ren“. Hier besteht die Gefahr, dass der WM- Diskurs sich in die allgemeine Change Manage- ment-Diskussion auflöst. Der innovative Kern im IT- und Internetbereich ginge verloren. Dagegen kann die Wirtschaft von der Wissen- schaft lernen, wie man Wissen (als wissen- schaftliche Erkenntnisse) mediengestützt kodifi- ziert, öffentlich zugänglich macht und in man- nigfaltigen Formen austauscht. Die öffentliche Präsentation neuen Wissens ist positiv besetzt und Teil der akademischen Professionalisierung. Einige vor allem große Unternehmen nutzen eine enge Kooperation zur Wissenschaft, um ihre eigenen Prozesse wissenschaftlich begleiten und evaluieren zu lassen. Eine stärkere wissen- schaftliche Durchdringung der Einführung von Wissensmanagementsystemen in der Wirtschaft ist angezeigt. Eine engere Kooperation zwischen Wissen- schaft und Wirtschaft in Netzwerken könnte ei- nen Teil der derzeitigen Mängel der Wissensma- nagementsysteme (Gütekriterien, Kodifizierung) am ehesten lösen helfen Sie müssten von anwen- dungsnahen Forschungseinrichtungen und wis- senschaftsnahen Beratungseinrichtungen gemein- sam organisiert werden. Die Wissenschaft könnte aus derartigen Erfahrungen viel zur Effektivie- rung der eigenen Strukturen lernen. Literatur Tenbieg, Marc S. (2001): Der Markt für Knowledge Management in Deutschland. Ismaning Projektgruppe: Wissensmanagement der Sozialfor- schungsstelle Dortmund Olaf Katenkamp Ulrich Grüneberg Michael Niehaus Dr. Gerd Peter Sozialforschungsstelle Dortmund Evinger Platz 17 D- 44339 Dortmund Gerd Röhrl adaequat GmbH Deutsche Strasse 10 D- 44339 Dortmund