Rezensionen66 Ansatz zur kollektiven Personal- und Organisations- entwicklung interpretiert. Treier ist es gelungen, zwischen dem theoreti- schen und empirischen Teil seiner Ausführungen eine Reihe von Anknüpfungsmöglichkeiten heraus- zuarbeiten und eine stringente Argumentation zu entwickeln. Die Aufarbeitung der theoretischen Grundlagen erfolgt fundiert. Positiv ist hervorzuhe- ben, dass auf eine Vielzahl deutsch- und englisch- sprachiger Literaturquellen zurückgegriffen wurde. An manchen Stellen erliegt Treier jedoch der Gefahr, auf zu viele Diskussionspunkte einzugehen. Dies stört den Lesefluss, schadet jedoch nicht dem positi- ven Gesamteindruck der Publikation. Für Diejeni- gen, die sich mit theoretischen und praktischen He- rausforderungen der Führung mit Kennwerten aus- einandersetzen, wird das Buch als empfehlenswerte Lektüre eingestuft. Dr. Martin Kröll (Bochum) Kleemann, Frank: Die Wirklichkeit der Teleheim- arbeit. Eine arbeitssoziologische Untersu- chung. Berlin: edition sigma 2005, ISBN 3- 89404-525-6, 374 Seiten, 24,90 Euro. Ziel der von Frank Kleemann vorgelegten Disserta- tion ist es, Teleheimarbeit und ihre Aneignung durch die Beschäftigten aus einer subjektorientierten, an das Konzept der Alltäglichen Lebensführung ange- lehnten Perspektive zu analysieren, um daraus Rück- schlüsse auf den Wandel der Arbeitswelt zu ziehen. Der Autor verfolgt drei Fragen: Welche Typen von Teleheimarbeit gibt es? Welche Interessen und Mo- tive verfolgen Betriebe und Beschäftigte? Welche Auswirkungen hat Teleheimarbeit auf die Arbeits- praxis und auf das Verhältnis von Erwerbsarbeit und Privatleben? Auf der Basis der Forschungsliteratur und von Expertengesprächen unterscheidet Kleemann fami- lienbezogene, leistungsbezogene, alternativlose und selbstbezügliche Teleheimarbeit. Seine Haupterhe- bung umfasst 36 offene Leitfadeninterviews mit TeleheimarbeiterInnen aus diesen vier Gruppen. Neben abhängig Beschäftigten in qualifizierten Bü- rotätigkeiten und im Außendienst werden hoch qua- lifizierte Selbstständige mit Tätigkeiten befragt, die bezüglich des Professionalisierungsgrads und der Marktbedingungen divergieren. Familienbezogene Teleheimarbeit findet Kleemann ausschließlich bei Müttern, die Beruf und Familie miteinander verein- baren wollen. Leistungsbezogene Teleheimarbeit beobachtet der Autor überwiegend bei Männern, die das Ziel der Effizienzsteigerung verfolgen. Alterna- tivlose Teleheimarbeit findet er bei mobilen Kun- denbetreuerInnen im Außendienst infolge betriebli- cher Restrukturierungsmaßnahmen. Als selbstbe- zügliche TeleheimarbeiterInnen bezeichnet Klee- mann Alleinselbstständige, die mit dieser Erwerbs- form größere subjektive Entfaltungs-möglichkeiten anstreben. Diese empirischen Befunde werden im Anschluss an die arbeitssoziologische Diskussion über betrieb- liche Kontrolle, Subjektivierung und Entgrenzung von Arbeit interpretiert. Unklar bleibt, warum die heterogene Gruppe der Selbstständigen einbezogen wurde, da sich einige Fragen nicht analog bearbeiten lassen und das Teilsample nicht systematisch mit den abhängig Beschäftigten kontrastiert wird. Für die letztgenannte Gruppe arbeitet Kleemann Interessen- konvergenzen zwischen TeleheimarbeiterInnen und Betrieben heraus: Die Beschäftigten empfänden Te- leheimarbeit als Privileg und revanchierten sich mit gesteigerter Loyalität und Arbeitsleistung. Dies bringe die Gefahr der Selbstausbeutung mit sich, und be- triebliche und tarifvertragliche Standards würden unterlaufen. Kleemann sieht hierin einen „dualen Prozess der Subjektivierung“ (338), bei dem die Beschäftigten potenzielle Widersprüche zwischen ihren Selbstverwirklichungsansprüchen und erhöh- ten Anforderungen der Betriebe an Selbstorganisati- on und Selbstkontrolle individuell miteinander ver- mitteln. Im Gegensatz zur Annahme, dass bei Teleheim- arbeit die Grenzen zwischen Arbeit und Leben ver- schwimmen, findet Kleemann empirisch kaum Ver- änderungen der Arbeits- und Alltagspraxis. Da sich die Arbeitsgestaltung vor allem nach Effizienzkrite- rien richte, sieht er die Gefahr einer Instrumentalisie- rung des Privatlebens für die Erwerbsarbeit. Auch in geschlechterpolitischer Hinsicht sei Telearbeit eine „konservative Arbeitsform“ (331) –die partnerschaft- liche Arbeitsteilung verändere sich dabei nicht. Al- ternative Arbeits- und Alltagsformen erforderten Handlungskompetenzen, die in einem längerfristi- gen Lernprozess erworben werden müssten. Solche Lebensformen identifiziert Kleemann nur bei den Selbstständigen, -allerdings „um den Preis relativer materieller und beschäftigungsperspektivischer Pre- karität“ (332). Hier wäre eine differenzierte Be- trachtung lohnend, denn neuere Studien deuten dar- auf hin, dass bei guten Einkommens- und Karriere- möglichkeiten auch bei Selbstständigen traditionelle Arrangements dominieren. Trotz der genannten Unklarheiten ist Kleemann ein ertragreiches Buch gelungen. Seine Ergebnisse weisen über die Telearbeitsforschung hinaus, indem 67Rezensionen er Teleheimarbeit als neue, post-fordistische Be- schäftigungsform behandelt. Die arbeitssoziologi- sche Debatte hierzu wird bislang von gesellschafts- theo-retischen Konzepten dominiert, die neue Er- werbsformen als Resultat veränderter betrieblicher Rationalisierungsstrategien deuten und die damit verbundenen Risiken für die Beschäftigten in den Mittelpunkt stellen. Mit seiner subjektorientierten Forschungsperspektive trägt Kleemann Erkenntnis- se über die Motive und Interessen der Beschäftigten bei und kann erklären, wie sich diese beim Zustande- kommen von Telearbeits-Arrangements mit betrieb- lichen Interessen verbinden. Sein Befund der pro- duktivitätssteigernden Wirkung von Teleheimarbeit bei gleichzeitigem Unterlaufen von kollektiven Stan- dards sollte GewerkschafterInnen und Betriebsrä- tInnen aufhorchen lassen. PD Dr. Annette Henninger (Bremen)