Authors: Konze, Anne-Kathrin
Title: Zur dynamischen Entstehung psychischer Erschöpfung durch Selbstkontrolle bei der Arbeit
Language (ISO): de
Abstract: Durch die rasante Verschiebung einer produktionsorientierten Industriegesellschaft zu einer wissensbasierten sowie dienstleistungs- und technologierorientierten Arbeitswelt ergeben sich neue Anforderungen für die Arbeitnehmer. Die erfolgreiche Bewältigung dieser Anforderungen erfordert die flexible Steuerung von Verhalten und setzt in einem beträchtlichen Ausmaß die Ausübung von Selbstkontrolle voraus. Doch dies fordert seinen Tribut: Anforderungen an Selbstkontrolle gelten als eine der bedeutendsten Arbeitsbelastungen der heutigen Zeit und werden in Verbindung gebracht mit einer Vielzahl an psychischen Erschöpfungssymptomen. Jedoch stehen Unternehmen vor einem Dilemma, denn eine direkte Reduktion dieser Arbeitsbelastung ist kaum möglich, ohne die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden. Gefragt sind daher Maßnahmen, die die Folgen von Selbstkontrollausübung abschwächen können sowie ein tiefgehendes Verständnis darüber, wie Erschöpfung im Verlauf der Zeit entsteht. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die vorliegende Dissertation mit den Fragen (i) welche (organisationalen sowie persönlichen) Rahmenbedingungen die Auswirkungen von Selbstkontrolle auf Erschöpfung beeinflussen, (ii) wie chronische sowie kurzfristige Erschöpfung im Verlauf der Zeit entstehen und sich wechselseitig beeinflussen und (iii) inwiefern zugrundliegende theoretische Modellvorstellungen erweitert werden müssen, um neue Erkenntnisse zu integrieren und zu erklären. Um diese Fragen zu adressieren, wurden vier empirische Studien durchgeführt. Die gemeinsame theoretische Grundlage dieser Studien stellt das Stärke-Modell der Selbstkontrolle dar. Demzufolge erschöpft die Ausübung von Selbstkontrolle eine begrenzte regulatorische Ressource (Willensstärke), wodurch nachfolgende Selbstkontrolle – zumindest vorübergehend – erschwert wird und kurzfristige Erschöpfungszustände entstehen. Um aufzudecken, wie die Ausübung von Selbstkontrolle am Arbeitsplatz zur Entstehung von sowohl kurzfristiger, als auch langfristiger Erschöpfung beiträgt, wurde in der Dissertation eine drei-schrittige methodische Herangehensweise gewählt. Durch die Kombination unterschiedlicher Analysemethoden und verschiedener zeitlicher Perspektiven wird Erschöpfung als ein dynamischer Prozess untersucht, der im Laufe der Zeit entsteht. Bei Studie 1 (Kapitel 2) handelt es sich um eine Längsschnittstudie, die die Entwicklung von chronischer Erschöpfung über einen 6-monatigen Zeitraum aufklärt und Handlungs- und Kontrollspielräume als Moderator untersucht. Die Ergebnisse einer Cross-Lagged Panel Analyse weisen darauf hin, dass sowohl der Umgang mit Emotionaler Dissonanz (definiert als Diskrepanz zwischen eigenen Emotionen und denen, die durch die Arbeitsrolle verlangt werden), als auch mit Handlungs- und Kontrollspielräumen die Ausübung von Selbstkontrolle erfordern und die Entstehung Emotionaler Erschöpfung beeinflussen. Studien 2 und 3 (Kapitel 3) sind (Zwei-Level) Tagebuchstudien, die tagesspezifische (kurzfristige) Erschöpfungszustände betrachten und aufklären, inwiefern die implizite Vorstellung über Willensstärke (ob Willensstärke auf einer begrenzten oder unbegrenzten Ressource basiert) die Zusammenhänge zwischen tagesspezifischer Selbstkontrollausübung und tagesspezifischer Erschöpfung moderiert. Die Ergebnisse unterstützen die Annahme, dass der Glaube an eine unbegrenzte Willensstärke die Konsequenzen von Selbstkontrolle auf (zumindest kurzfristige) Erschöpfungszustände abmildert. Darüber hinaus wird aufgedeckt, inwiefern Erschöpfung zur Mittagszeit über den Arbeitstag und sogar bis nach Feierabend andauert. In Studie 4 (Kapitel 4) werden schließlich dynamische Wechselwirkungen zwischen chronischer und tagesspezifischer Erschöpfung im Rahmen einer (Drei-Level) Tagebuchstudie untersucht, in der tagesspezifische Verlaufskurven von Ich-Erschöpfung modelliert und durch tagesspezifische Selbstkontrollausübung vorhergesagt werden. Multi-level latente Wachstumsmodelle decken auf, dass das Ausmaß an Ich-Erschöpfung im Verlauf eines Arbeitstages linear zunimmt und durch Emotionale Dissonanz beeinflusst wird. Darüber hinaus weisen die Ergebnisse darauf hin, dass Emotionale Erschöpfung als Indikator einer chronisch reduzierten regulatorischen Ressource fungiert und somit tagesspezifische Selbstkontrollprozesse bei der Arbeit erschweren kann. Zusammenfassend betonen die empirischen Studien die beanspruchungswirksamen Konsequenzen von berufsbezogener Selbstkontrollausübung. Durch die Integration unterschiedlicher arbeitspsychologischer Modelle, empirischer Befunde und unterschiedlicher zeitlicher Perspektiven erweitern die Studien unser theoretisches Verständnis zur dynamischen Entstehung von Erschöpfung durch arbeitsbezogene Anforderungen an Selbstkontrolle. Darüber hinaus lassen sich einige relevante Implikationen für die Gestaltung der Arbeit ableiten.
The rapid shift from manufacturing-oriented work to a knowledge-based, service-oriented and technically challenging working environment causes an emergence of new work demands. Successful coping with these demands requires flexible control of behaviour and necessitates to a considerable extent the exertion of self-control. This takes its toll: Nowadays, demands on self-control are considered as a major source of stress at work and as a driver of exhaustion and impaired psychological well-being. In the wake of these developments, companies face a dilemma, because directly reducing these work demands is almost impossible without jeopardizing the own productivity and competitiveness. Therefore, identifying strategies, which might attenuate the adverse consequences of exerting self-control and gaining a deeper understanding how psychological exhaustion evolves over time constitute two important challenges for employers and employees alike. In light of the above, this doctoral thesis is devoted to a detailed evaluation of the questions (i) which (organisational and personal) boundary conditions influence the effect of self-control exertion on exhaustion, (ii) how chronic as well as short-term indicators of exhaustion evolve over time and interact with each other, and (iii) to what extent underlying theoretical models need to be updated in order to integrate and explain recent empirical findings. To address these questions, four empirical studies were conducted. The common theoretical foundation of these studies is the Strength Model of Self-Control. According to this model, every act of self-control draws on and depletes a common regulatory resource (willpower), thereby rendering this resource – at least temporarily – less available for subsequent self-control and giving rise to short-term indicators of exhaustion. In order to uncover how the exertion of self-control at work contributes to the development of short-term and long-term indicators of exhaustion, a methodological approach was chosen that combines three different methods of analysis. By means of this procedure, the development of exhaustion is examined as a dynamic process that unfolds over time. Study 1 (Chapter 2) is a longitudinal study that investigates the development of chronic emotional exhaustion over a 6-month time lag and sheds light on the role of job control as a moderator. The results of a cross-lagged panel analysis indicate that coping with emotional dissonance (defined as the discrepancy between one's truly felt emotions and those being expected by the work role) and simultaneously dealing with job control requires the exertion of self-control and therefore adversely affects the development of emotional exhaustion. Studies 2 and 3 (Chapter 3) are (two-level) diary studies that focus on predicting day-specific (short-term) indicators of exhaustion. Furthermore, implicit theories about willpower (the belief whether willpower relies on a limited or nonlimited resource) are examined as a moderator of the relation between day-specific self-control exertion and short-term indicators of exhaustion. The results support the assumption that believing in a nonlimited resource of willpower mitigates the consequences of self-control on (at least short-term) indicators of exhaustion. Moreover, it is examined how exhaustion in the afternoon persists over the course of a workday and causes feelings of exhaustion even after work. In study 4 (Chapter 4), a (three-level) diary study uncovers the dynamic interplay between chronic and day-specific indicators of exhaustion by modelling day-specific trajectories of ego-depletion and by testing how these trajectories are effected by self-control exertion and chronic emotional exhaustion. Multi-level latent growth modelling reveals that levels of ego-depletion increases linearly over the course of a workday and are adversely affected by emotional dissonance. Furthermore, the results suggest that emotional exhaustion can be considered as an indicator of a chronically reduced regulatory resource, thereby impeding day-specific self-control functioning at work. In summary, the empirical studies emphasize the straining effects of work-related self-control processes. By integrating different theoretical models, recent empirical findings, and different temporal perspectives, these studies extend our theoretical understanding of the dynamic development of exhaustion that is caused by work-related demands on self-control. Finally, several implications for the design of work are derived.
Subject Headings: Psychische Erschöpfung
Selbstkontrolle
Burnout
Emotionale Dissonanz
Tagebuchstudie
Subject Headings (RSWK): Erschöpfung|
Burnout-Syndrom
Selbstkontrolle
URI: http://hdl.handle.net/2003/38047
http://dx.doi.org/10.17877/DE290R-20030
Issue Date: 2019
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