Authors: Friedrichsmeier, Andres
Title: Die unterstellten Wirkungen der universitären Steuerungsinstrumente
Other Titles: Zur hochschulischen Dauerreform und den Möglichkeiten ihrer Entschleunigung
Language (ISO): de
Abstract: Die Universitäten werden seit etwa 1990 mit neuen Instrumenten gesteuert: Zielvereinbarungen, ökonomischen Incentives u.a.m. Der Reformprozess ist nicht beendet, die neuen Instrumente werden meist nach wenigen Jahren weiter reformiert. Was die Beteiligten als Belastung erleben, fordert auch konzeptionell heraus: Welche Effekte sind von Instrumenten zu erwarten, wenn die Zeit zur Wirkungsentfaltung fehlt? Wieso tritt die Dauerreform auf, wie kann man mit ihr umgehen und wie wirkt sie sich aus? Antworten werden über eine Sortierung der Steuerungskonzepte und eine Studie zur Selbststeuerung der Fächer zusammengetragen. – Inhalt – Die fortgesetzte Reform der Steuerungsinstrumente führt dazu, dass man allein über die formal eingesetzten Instrumente kein aussagekräftiges Bild über die Organisationsreform an den Hochschulen erhält. Die Arbeit identifiziert ersatzweise einen konzeptionellen Kern der vielfältigen Reformen: New Public Management und die Ansätze der Neuen Institutionenökonomik. Betrachtet wird, wie diese Ansätze parallele Reformen in anderen öffentlichen Sektoren sowie in anderen OECDStaaten anleiten. Ferner werden die Zusammenhänge mit der Abkehr vom klassischen Bürokratiemodell und Legitimationsproblemen staatlicher Politik beleuchtet. Der gefundene konzeptionelle Kern neuer Hochschulsteuerung wird anschließend mit alternativen ökonomischen, motivationspsychologischen und soziologischen Konzepten abgeglichen. Organisationssoziologisch werden u.a. verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie, Neo-Institutionalismus, Systemtheorie, situationistischer Strukturansatz sowie die Debatte über Governance-Mechanismen diskutiert. Der Theorievergleich deckt erste mutmaßliche Ursachen für die Dauerreform der Hochschulorganisation auf; darüber hinaus trägt er steuerungskonzeptionelle Widersprüche und Lücken zusammen. Um den gefundenen Lücken sowie der Dauerreform steuerungspraktisch Rechnung tragen zu können, wird ein theoriegeleitetes Sortierschema von Wirkungsannahmen vorgeschlagen. Es dient der Klärung und Einordnung der jeweils mit den Instrumenten verbundenen impliziten und expliziten Wirkungsannahmen. Das Schema wird am Beispiel der drei Steuerungsinstrumente Zielvereinbarung, Evaluation und leistungsorientierte Mittelverteilung spezifiziert. Die geleistete Klärung von Steuerungsinstrumenten über die Offenlegung der jeweils zugehörigen Wirkungsvorstellungen verfolgt neben dem wissenschaftlichen ein steuerungspraktisches Ziel: Sie soll der für den Reformprozess charakteristischen Überschätzung der jeweils neuesten Instrumente entgegen wirken und eingesetzt werden können, um steuerungspolitische Profilierung durch Scheininnovationen zu behindern. Auf diesem Weg lässt sich sich die Dauerreform potenziell entschleunigen. Die daran anschließende empirische Untersuchung zeigt, dass die bisherige Dauerreform von vielen Beteiligten auf der Fakultätsebene als starke Arbeitsbelastung erlebt wird. Gleichzeitig finden sich weitere Hinweise, dass die Dauerreform in absehbarer Zeit kaum zu beenden sein wird: Hochschulpolitik bearbeitet mit ihr Legitimationsprobleme. Bereits die theoretischen und konzeptionellen Kapitel arbeiten heraus, dass gängige Steuerungsinstrumente z. T. nicht in jener Form wirksam sein können, die überwiegend unterstellt wird. Die Empirie dieser Arbeit bestätigt dies – etwa über den Befund, dass Hochschulmitglieder jene Anreize, mit denen die Hochschulleitung oder die Wissenschaftspolitik ihr Verhalten steuern wollen, gar nicht konkret benennen können. Solche Anreize können deshalb von den Hochschulmitgliedern auch nicht zur rationalen Grundlage ihrer arbeitsbezogenen Abwägungen gemacht werden. Um die Wirkung von neuer Steuerung weiter aufklären zu können, werden leitfadengestützte Experteninterviews mit Beteiligten an ausgewählten Physik- und Pädagogikfakultäten an drei Universitäten geführt. Im Rahmen der Interviewauswertung wird eine Topografie rekonstruiert, die die typischen Signifikationen von Akteuren und von Handlungsorten in ein Gesamtbild stellt. Zu den weiteren Ergebnissen der Empirie gehört, dass die Beurteilung von Steuerung perspektivabhängig ist und nicht primär über individuelle Einstellungsmuster erklärt werden sollte. Alle befragten Organisationsexperten auf Fächerebene operieren sowohl mit modernistischer als auch auf ältere Hochschultraditionen bezogener Logik. Auf Fächerebene zeigt sich also eine umfassende Koexistenz von neuer und alter Steuerung. Klassische regulative Mechanismen wie Kollegialitätsnorm, Reputation oder Statusgruppeneinteilung erweisen sich weiterhin als relevant. Sogar institutionelle Mischlösungen werden identifiziert, darunter „Ad hoc-Gremien“. Konzeptionelle Lücken und Widersprüche spielen also in der Steuerungspraxis z.T. eine produktive Rolle. Auch mit diesem Befund will die Arbeit Reflexionswissen für die Steuerungspraxis anbieten: Hinter den Erwartungen zurückbleibende Reformwirkungen sind nicht allein auf Implementationsmängel und bösen Willen von Beteiligten zurückzuführen und lassen sich nur eingeschränkt durch weitere Reform der Reform beseitigen
Subject Headings: Hochschulmanagement
Neue Steuerungsinstrumente
Organisationstheorie
Selbststeuerungsexpertise
URI: http://hdl.handle.net/2003/29438
http://dx.doi.org/10.17877/DE290R-4804
Issue Date: 2012-04-09
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