Plädoyer für eine Kopernikanische Wende in der Mathematikdidaktik
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Date
2014
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Gesellschaft für Didaktik der Mathematik
Abstract
Die Kopernikanische Wende stellt einen radialen Bruch in der Art und Weise naturwissenschaftlicher Weltbetrachtung dar. Dabei umfasst diese Wende nicht nur naturwissenschaftliche Inhalte wie die Verschiebung des geozentrischen Weltbildes hin zu einem heliozentrischen, sondern in einem mindestens ebenso dramatischen Umbruch die Verschiebung wissenschaftlicher Arbeitsweisen und Methoden. Kopernikus, Kepler, Galilei und andere eröffneten nicht nur eine neue Sicht auf die Welt, sondern parallel dazu eine neue Sicht auf wissenschaftliches Handeln. Ursprünglich aus der Physik kommend prägt mich die Kopernikanische Wende als Wissenschaftler enorm. Wissen in Physik und Astronomie, das vor Jahrtausenden durch Chinesen, Inder, Babylonier und Griechen fundiert wurde und Jahrtausende gültig war, zerbrach in einem revolutionären Umbruch und wurde unter gewandelten Prämissen vollständig neu organisiert. Diese Grunderfahrung weisen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihre Wurzeln in der Mathematik sehen (wohl also die Mehrheit des Publikums der GDM-Tagungen), so nicht auf. Mathematische Erkenntnisse sind als geisteswissenschaftliche Konstrukte weitaus beständiger und festgefügter als naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die nie bewiesen, im Experiment aber immer wiederlegt werden können. Oder, wie schon Hardy anmerkte: Mathematische Ideen sterben nie (Hardy 1992, S. 81).